Glina Rye 12 Jahre

Vollreifung im Portweinfass

Glina als Avantgarde. Von Meilensteinen im Rye Whisky-Land

Zwölf Jahre. Das ist die magische Zahl, die Whiskyfans in Verzückung bringt. Wie oft ist zu hören, das Whisky erst ab zwölf (oder wenigstens zehn) Jahren etwas tauge – vor allem im Zusammenhang mit dem recht jungen deutschen Whisky? Tatsächlich gibt es heute erstaunlich wenige deutsche Whiskys, die dieses Alter aufweisen – jedenfalls mehr als es Brennereien gibt, die lang genug im Geschäft wären für diese Altersangabe.

Nun gesellt sich Glina zu dieser illustren Reihe und die Brandenburger tun dies mit einem Paukenschlag: kein Single Malt markiert diesen Meilenstein, wie bislang in Deutschland üblich, sondern ein Rye Whisky. Kritische Stimmen sehen nicht ganz zu Unrecht eine Hipster-Modeerscheinung im Rye Whisky, haben doch viele Brennereien den Roggen erst vor ein paar Jahren entdeckt, mitten im US Rye-Hype. Die Zahl Zwölf auf Glinas jüngster Abfüllung beweist aber, dass aktuelle Modetrends (oder was Journalisten und TV-Shows dafür halten) nicht die Triebfeder des Master Distillers Michael Schultz ist. Vielmehr ist es ein ehrliches Geschmacksempfinden, das ihn Roggendestillat zu schätzen lernen ließ. Im Land der Schwarzbrotesser liegt eigentlich kaum etwas näher als Rye Whisky, aber vielleicht war manchen Schwarzbrot damals nicht hip genug…

Inzwischen ist Deutschland Rye Whisky-Land. Es gibt ein  breites Angebot und das kann sich sehen lassen. Selbst junger deutscher Rye Whisky ist international konkurrenzfähig. Einige der deutschen Ryes spielen in der Oberliga mit. Das ist angesichts der langen und offen gestanden sehr qualvollen Lernprozesses beim Gerstenwhisky bemerkenswert. Beim Roggen hingegen schaffen die Deutschen fast aus dem Stand den Sprung nach Oben.

Sicher spielen die Eigenheiten des Getreides, seiner Destillation und seiner Reifung eine Rolle. Schon junger Rye Whisky kann ohne weiteres überzeugen; die US-Vorbilder sind selbst ganz selten älter als neun Jahre.  Und vielleicht wirken die hiesigen Brennanlagen, die nicht immer nach schottischem (Gerstenwhisky-) Muster gebaut sind, besser mit dem Getreide zusammen. Ich bin nicht so ein Doktor, ich weiß es nicht. Der Effekt aber lässt sich nicht leugnen. Deutscher Rye muss sich vor keinem Rye der Welt verstecken. Glina setzt jetzt einen drauf. So alter Rye Whisky ist selten und dann noch aus Deutschland, wo die Zahl Zwölf ohnehin Seltenheitswert auf Whiskyflaschen besitzt. Die Brandenburger beanspruchen damit die Führung mindestens hierzulande. Jetzt wird getestet, ob sie das zu Recht machen.

Liegt gut in der Hand

Roggen, Portwein und die Alkoholstärke

Das Roggendestillat bei Glina hat eine ausgeprägte, hell-frische Kräuternote. Die verträgt sich ganz hervorragend mit der schweren, fruchtigen Süße von Starkweinfässern. Das hat Glina bereits mit dem 5-jährigen Rye aus dem Sherryfass bewiesen. Ähnliches dürfte hier zu erwarten sein, wobei angesichts der längeren Zeit im Holz der Einfluss desselben größer sein dürfte. Dies wäre zu begrüßen, da sich die starken US-Vertreter der Gattung gerade durch die frische Eiche auszeichnen. Zwar fehlt Glina der subtraktive Effekt, den das Ausbrennen der Fässer nach amerikanischem Stil erzeugt, Holznoten werden aber so oder so dabei sein.

Bei beiden Ryes, dem 5-jährigen wie dem 12-jährigen, verzichtet Michael Schulz auf etwas, das seine Single Malts auszeichnet: die Reifung in mehreren Fasssorten. Triple Cask prangt gern auf Glina Single Malts. Nun müssen Finishes, Multi Cask Maturation und ähnliches nicht immer der Weisheit letzter Schluss sein. Im Bereich des Euro-Ryes sind wir noch immer in der Findungsphase. Eine Vollreifung in nur einer Fassart jedenfalls schafft Klarheit über das Zusammenspiel von Destillat und Fass.

Auch die Alkoholstärke ist noch das Ergebnis eines fluiden Aushandlungsprozesses. An dieser Stelle sei im Sinne der Offenheit gesagt, dass Karen und ich uns oft mit Michael über die Alkoholstärke dieses Whiskys vor dem Release unterhalten haben. Natürlich schlägt das Herz eines jeden Whiskysfans für die Fassstärke, aber die will bezahlt werden. Deutscher Whisky hat eben immer noch seinen Preis, da die Produktions- und Personalkosten hierzulande sowie die geringe Absatzmenge ihren Tribut fordern. Ein Whisky mit zwölf Jahren in Fassstärke von Glina wäre preislich nur Hardcore-Fans wie uns zu erklären gewesen. Mit 46,1% ABV bleibt der Whisky bezahlbar und trotzdem anspruchsvoll. Es ist ein Kompromiss, aber keiner, der den Geschmack verrät.

Nase

Fast verhalten strömt er in die Nase. Dann öffnet sich ein ganzer Obstkorb. Herausragend sind dabei frische tropische Früchte wie Sternfrucht und Maracuja. Ein paar weiße Gummibärchen scheinen auch mit von der Partie zu sein. Dieser frische Eindruck wird durch eine gute Portion Minze und Lorbeer verstärkt, die die Abkunft vom Roggen verraten. Die für ein Portweinfass typischen dunklen Früchte und Tabaknoten halten sich im zunächst Hintergrund, sind nach etwas Zeit im Glas jedoch unverkennbar. Auch Eichenwürze hat die Nase, nach einer Weile dann Karamell.

Diese Nase ist erstaunlich. Bei zwölf Jahren im Portweinfass wäre ein viel schwereres und süßeres Profil zu erwarten gewesen, besonders bei Glinas sehr vom Fass dominierten Stil. Aber offenbar kann das Destillat gut dagegen halten.

Geschmack

Kaum auf der Zunge, meldet sich der Roggen mit dem halben Gewürzregal: Pfeffer, Nelke, etwas Zimt, etwas Süßholz. Dieser würzige Eindruck ist sicher zum Teil der Eiche zu verdanken, zumal ein Hauch Bitterkeit nachkommt. Die frischen Früchte müssen sich dagegen erst einmal durchsetzen: Sternfrucht, Passionsfrucht und wieder Maracuja. Dafür sind Trockenfrüchte und Steinobst von Anfang an präsent. Ein bisschen Bitterschokolade und Röstaromen runden den Geschmack wirksam ab.

Abgang

Lang, würzig und wärmend verabschiedet sich dieser Whisky fast wie typischer Rye, wäre da nicht die Fruchtsüße.

Das Flaggschiff deutschen Ryes

Fazit: Bärenstarker Brandenburger als Speerspitze

Der Whisky ist etwas Besonderes: die zwölfjährige Vollreifung eines Roggendestillates im Portweinfass sucht nicht nur in Deutschland seinesgleichen. Es ist ein gewagtes Experiment, aber eines, das sich auf ganzer Linie ausgezahlt hat. Das Zusammenspiel von Port und Roggen resultiert in einem komplexen und ausbalancierten Whisky mit einem bemerkenswerten Grundcharakter. Gerade die Frische des Roggens gibt den Früchten des Portweinfasses ein neues, unerwartetes Gesicht. Da lohnt sich weiteres Experimentieren.

Glina zeichnet sich üblicherweise durch sehr starken Fasseinfluss aus, was in Deutschland gerade im Fall der Starkweinfassreifungen viele Freunde findet. Doch die Ryes beweisen, wie grazil die Whiskys aus Brandenburg sein können. Der 12er legt in Sachen Grazie und Komplexität nach. Falls es nicht offensichtlich ist: ich bin begeistert. Begeisterungsfähigkeit für Rye und/oder deutschen Whisky braucht es auch, um den Preis von 120 Euro zu zahlen. Aber wert ist er es allemal.

Wenn wir am Ende des Jahres unsere große Rückschau auf den deutschen Rye Whisky starten, dürfte dieser wohl die Spitze erobern. Angesichts der sehr starken Konkurrenz, v.a. aus dem Spreewald und aus dem Harz, ist das keine Kleinigkeit.

Deutschland ist Rye-Land.

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