Gryphon Pure Rye

Rittmeisters Rostocker Roggenwhisky

Die Rittmeister Destille

An Mecklenburg-Vorpommern denken Whiskyfans eher selten, stammen die bekannteren deutschen Whiskys doch meist aus dem Süden. Aber auch der Osten blüht gerade auf. Besonders wenn es um Rye Whisky geht, gibt es kein Vorbeikommen mehr an den neuen Bundesländern. Insofern wundert nicht, dass die Rittmeister Destille im Süden Rostocks ebenfalls einen Rye Whisky bietet.

Tatsächlich begegnet uns hier eine allzu typische Geschichte. Andreas Barnehl betreibt seit 1996 das Landhotel Rittmeister und seine Leidenschaft für Schnäpse führte 2010 zur Eröffnung der Rittmeister Destille. Die produziert in erster Linie Obstbrände, dazu Gin und Getreidebrände wie Vodka oder Korn – und eben Whisky. So weit nicht überraschend. Erstaunlicher ist da, dass der erste und bislang einzige Whisky dann nicht der zu erwartende ‚Gerstler‘ Single Malt ist, sondern ein Rye.

Wie ein Blick auf das Portfolio jedoch offenbart, liegt den Rostockern einiges am Roggen. Die Gegend hat eine lange Geschichte des Anbaus und der Verarbeitung dieses Getreides. Knull, die letzte Rostocker Getreidemühle, versorgt Rittmeister mit Roggenschrot, um diese Tradition zu bewahren. Neben einem klaren Roggenkorn hat die Brennerei auch einen fassgereiften Holz-Korn aus Roggen im Angebot, sodass der Rye Whisky wie eine natürliche Weiterentwicklung dieser Reihe wirkt. Er ist außerdem beliebt genug, dass ein weiterer Rye folgen wird, sodass der Gryphon seinerseits wieder der Startpunkt einer kleinen Serie ist.

Rittmeister Gryphon
Rostocker Greif trifft Berliner Greif

Pure Rye

Auch der Whisky selbst erscheint auf den ersten Blick eher konventionell, wenn auch sehr durchdacht: 100% Roggen, 45% ABV und eine dreieinhalb jährige Reifung in frischen Eichenfässern mit einem Wein- und Sherryfass-Finish.

Die Fassauswahl ist sicher nicht gewöhnlich, allerdings ist die Kombination für deutschen Whisky auch nicht ganz überraschend; Stork z.B. geht ganz ähnliche Wege. Die Kombination ergibt Sinn. Besonders bei kürzeren Reifungen geben diese Fässer viel Geschmack ab. Die 45% ABV geben den Erwartungen vieler Whiskyfans nach stärkeren Abfüllungen nach, ohne Neulinge komplett zu verprellen – und den Preis in die Höhe schießen zu lassen.

Erst im Detail fällt etwas sehr Außergewöhnliches auf: obzwar die Maische aus 100% Roggen besteht, sind davon 75% gemälzt und 25% sind (ungemälzter) Roggenschrot. Um die Stärke des Schrots aufzuspalten, setzt Rittmeister Enzyme hinzu. Das Mälzen oder Nicht-Mälzen des Roggens ist eine philosophische Frage und die allermeisten Brenner entscheiden sich für das eine oder das andere. Die 25% Roggenschrot könnten zusätzliche Würze bringen und sind mir sehr willkommen, da ich Roggenmalz oft als zu weich empfinde. Der Euro-Rye sollte etwas mehr Mut zu ungemälztem Rye haben.

Nase

Der Whisky braucht Zeit zum Atmen. Denn als erstes steigt eine muffige Note alter Früchte in die Nase. Ist diese aber verflogen, zeigt sich der Gryphon von einer anderen Seite. Frischer Lebkuchenteig und Marmelade, gebackener Apfel mit Zimt und Zucker geben ihm einen überraschend süß-fruchtigen Charakter. Der deutliche Überzug von Menthol weist ihn jedoch unzweifelhaft als Rye aus. Nur der leichte Anflug von Jod ist schwer einzuordnen.

Geschmack

Im Mund kommt der Roggen noch deutlicher zur Geltung. Mehr Würze mit Nelke und Anis, weniger Frucht und weniger Süße entsprechen nicht ganz den Erwartungen der Nase, bieten aber ein harmonisches Zusammenspiel. Dafür tritt etwas Vanille hinzu und überhaupt scheint das frische Eichenfass stärker zu wirken als die Wein- und Sherryfässer.

Abgang

Hier übernimmt die Würze vollends, was dem mittellangem Nachhall sehr zugute kommt.

Eine lohnende Ergänzung der deutschen Rye Whisky-Landschaft

Fazit: nicht einfach, aber lohnend

Als Start in unser neues Rye-Jahr 2022 macht sich der Gryphon hervorragend. Er bringt wieder etwas Neues und überrascht ein ums andere Mal. Als Start für Neulinge in die Rye-Welt jedoch ist der Gryphon einfach zu anspruchsvoll, auch preislich. Die ersten Aromen sind offengesagt abschreckend und die Wende vom Süßlichen zum Würzigen kommt beinahe unvermittelt.

Erfahrenen Fans des Ryes könnte genau das aber Spaß machen. Denn hat der Whisky seine Zeit zum Atmen bekommen und benetzt er die Zunge ein zweites und drittes Mal, spielt er seine Stärken aus. Eindrucksvoll bezeugt er, welche Vielfalt Roggenwhisky selbst in jungen Jahren an den Tag legen kann. Und je länger der Gryphon im Glas steht, desto weniger fällt es, sich daran satt zu riechen. So schön ist die Nase.

Es lässt sich erkennen, warum Delicous Berlin ein früheres Batch 2017 noch vor Glina und Stork als besten deutschen Rye 2017 bewertet hat. Inzwischen hat Stork seine mediale Hype-Maschine angeworfen und Glina hat seinen Whisky massiv aufgerüstet, sodass heutige Bewertungen anders ausfallen. Das schmälert allerdings nicht ansatzweise die Qualität des Gryphon.

Rye-Fans können bedenkenlos zugreifen und dürften überrascht werden. Der Gryphon gleicht ein bisschen Hansa Rostock: vielleicht kein Material für die erste Liga, aber viel Charme und Eigenständigkeit. Genau das mögen wir bei deutschem Whisky. Wir sind jedenfalls sehr gespannt auf den Nachfolger.

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