Nazis, Chemiker und ihr Whisky

Ein spezielles Kapitel der deutschen Whiskygeschichte

Schon wieder diese Nazis. Auf der Spur des Rauchkorns

Wenn im SZ Magazin ein Interview mit Gastronom Stefan Gabányi veröffentlicht wird, sind die Erwartungen hoch. Dieser stand nämlich lange an der Seite des in letzter Zeit eher durch seinen Sexismus aufgefallenen, ansonsten aber oft als ‚Legende‘ titulierten Barkeepers Charles Schumann. 1996 veröffentlichte er Schumanns Whisk(e)y-Lexikon und gilt seitdem als Experte für Whisky.

„Die Nazis wollten auch ihren eigenen Whisky machen, den nannten sie deutschen Rauchkorn. Daran sieht man, wie ernst dieses Getränk genommen wird.“, sagt Gabányi, als er kurz die Geschichte des Whiskys thematisiert. Natürlich bleibt nicht unerwähnt, dass der wohl wenig überzeugend war. Darüber hinaus erfahren wir an dieser Stelle nichts über den ominösen Rauchkorn. Auch sonst ist es nicht so leicht, diesem Rauchkorn auf die Spur zu kommen. Ein paar lexikalische Einträge geben keine nennenswerte Auskunft. Was also hat es damit auf sich und was haben die Nazis damit zu tun?

Keine Nazis, dafür Chemie

Kurz: die Nazis haben wenig damit zu tun. Beim Rauchkorn handelt es sich um ein chemisches Experiment, bzw. eine Serie chemischer Experimente, um Whiskygeschmack zu imitieren. Deren Anfänge reichen bis mindestens in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, also auch vor die der Nazis.

Ernst Duntze versuchte einige Jahre vor dem Krieg, eine dem Bourbon ähnliche Spirituose zu erzeugen. Vermutlich geschah dies nach der 1909 erfolgten Angliederung der Abteilung für Trinkbranntwein- und Likörfabrikation (ATL) an das Institut für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation in Berlin, wo Duntze arbeitete. Spannend an seinen Experimenten ist, dass er den Fasseinfluss in den Vordergrund stellte, insbesondere das Ausbrennen. So nahm er Kartoffelprimasprit, also Neutralalkohol, als Basis und reifte diesen in stark ausgekohlten Fässern. Ziel der Experimente war der Nachweis, dass „lediglich auf dem Wege der Lagerung ein edles Erzeugnis zu gewinnen ist, das den Trinkbranntweinweltmarken des Auslandes ebenbürtig ist.“ (vgl. Chemisches Zentralblatt 90.2, 1919, 679f.)

Es nimmt nicht Wunder, dass Bourbon hier das Vorbild war. Seine Fassreifung war schon wesentlich früher etabliert als die des Scotches, die erst nach Beginn der Experimente Duntzes gesetzlich festgelegt wurde. Duntzes Ergebnisse unterstreichen erneut, wie wichtig das Fass für den Whisky ist. Allerdings vermerkte man schon früh, dass diese Spirituose keinesfalls deutscher Whisky genannt werden darf (vgl. Büttner, Branntweine, in: Handbuch der Lebensmittelchemie 7: Alkoholische Genussmittel, hgg. v. Büttner u.a., Berlin 1938, 608).

das Institut für Gärungsgewerbe

Hermann Wüstenfeld führte Duntzes Arbeit am Institut für Gärungsgewerbe fort, veröffentlichte 1931 ein wegweisendes Standardwerk zu Spirituosen: Trinkbranntweine und Liköre. Auch deutschen Whisky gab er nicht auf, verfolgte allerdings die Idee eines dem „schottischen Whisky ähnlichen Erzeugnisses aus deutschen Rohstoffen“ (vgl. Chemisches Zentralblatt 114.1, 1943, 2337). Dieses nannte er Rauchkorn. Wie dem Namen schon zu entnehmen ist, spielte hier der Torf eine große Rolle, galt er doch seinerzeit als wichtiges Merkmal des Scotch.

Die Nazis und der Zeitgeist

Duntze und Wüstenfeld stehen in einer Linie, sodass die Nazis kaum die Impulsgeber für ihre Experimente gewesen sein können. Dass mit ‚Rauchkorn‘ von Wüstenfeld ein deutscher Name gewählt wurde, statt des englischen Whiskys wie dies noch Duntze tat, dürfte indes dem Zeitgeist geschuldet sein. Eines nämlich trifft auf das Jahr 1943 ebenso zu wie auf das Jahr 2022: Fördergelder sind leichter zu bekommen, wenn ein Forschungsprojekt den Zeitgeist trifft. Ein kosmopolitisches Produkt wie Whisky, das in der Weimarer Republik allenfalls von der urbanen Oberklasse genossen wurde, passte kaum in das Weltbild der Nationalsozialisten. Die Forschung an einem Produkt wie Korn, dem Getränk der deutschen Wehrbauern, ließ sich wohl einfacher begründen.

Dass Wüstenfeld sich dem Zeitgeist anbiederte, mag mancher verachten. Doch dies beobachten wir andauernd und was ihn wirklich antrieb, ist schwer zu rekonstruieren. Vielleicht war es die Liebe für Whisky? Nicht wenige Wissenschaftler gehen ihren Neigungen nach, indem sie ihren Arbeiten die passende Aktualität zuschreiben.  Auch Duntzes Motive bleiben angesichts der Quellenlage schleierhaft. Letztlich darf genuin wissenschaftliches Interesse bei beiden nicht ausgeschlossen werden.

Ein zu Recht vergessenes Kapitel

Die Erinnerung an den vermeintlichen Nazi-Klon des Whiskys, Rauchkorn, ist längst verblasst. Um überhaupt Informationen darüber zu erlangen, müssen unselbstständige Fachpublikationen einer Naturwissenschaft herangezogen werden. Angesichts dessen darf diesem Kapitel des deutschen Whiskys unbedenklich die völlige Bedeutungslosigkeit attestiert werden.

Wenn es denn eine Lehre dieser Episode gibt, dann, dass nicht alles vor 1945 den Nazis zugerechnet werden sollte. Tatsächlich wirken Duntze und Wüstenstein mit ihren Versuchen geradezu kurios, da Whisky in Deutschland doch eher ein Schattendasein fristete, bis die Alliierten das Land besetzten. Vermutlich ist dies ein weiteres Indiz dafür, dass die beiden schlicht ihrem wissenschaftlichen Interesse nachgingen. Das kann bei Wissenschaftlern gelegentlich vorkommen.

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