Glen Moray 11 Jahre

Whic Nymphs of Whisky Collection

Dem Wasser des Lebens eine Nymphe

Die Nymphen der griechischen Mythologie sind weibliche Naturgottheiten, die den Menschen oft behilflich sind. Alkohol als menschliches Produkt ist eher selten mit den Nymphen verbunden, aber ganz so abwegig ist es nicht, stehen sie doch oft für Vitalität und Lebensfreude – also genau das, was Whisky, das Wasser des Lebens, verspricht. Es ist jedenfalls nicht weiter hergeholt, als einen frühmittelalterlichen Heiligen für den Whiskygenuss einzuspannen …

Die Brennerei Glen Moray hat eine bewegte Geschichte und stand dabei oft im Schatten bekannterer Brennereien wie z.B. Aberlour und Glenmorangie, denen die oft wechselnden Besitzer mehr Aufmerksamkeit widmeten. Der aktuelle Eigentümer behandelt Glen Moray jedoch weniger stiefmütterlich und die Brennerei erobert Marktanteile. Vielleicht sorgt doch die Naiade des naheliegenden Flusses Lossie für gutes Gelingen …

Gradlinig und Stark

Der deutsche Shop Whic.de hatte gleich mehrere Nymps of Whisky-Kollektionen im Programm und diese Abfüllung von Glen Moray ist ein recht typischer Vertreter. Es handelt sich nämlich um eine unverdünnte Einzelfassabfüllung mit klarer Altersangabe, gradlinig gereift in einem Bourbon-Hogshead, ohne Farbstoff und Kältefiltrierung. Glen Moray ist mir eher aufgefallen, weil sie oft mehrere Fassarten zur Reifung heranzieht. Insofern finde ich eine rein im Bourbonfass gereifte Abfüllung spannend. Es ist damit mal wieder ein Single Malt, der meinem Geschmack entgegenkommt.

Die Fassstärke macht dabei nicht weniger als 61,9% aus. Das ist für einen 11-jährigen Whisky beachtlich und man kennt diese Dimensionen doch eher von Barrel Strength Bourbons. Da ich die aber auch sehr mag, sehe ich der Stärke dieser Abfüllung freudig entgegen.

Nase

Die Nase ist erstaunlich dezent. Erwartet hätte ich eine massive Aromenattacke flankiert durch alkoholischen Druck. Natürlich ist der Alkohol spürbar und die Gerüche sind intensiv, aber auf knapp 62% hätte ich nicht getippt. Hier kann ich Tim von den Whisky-Helden nur zustimmen, der Alkohol ist bemerkenswert gut eingebunden.

Zunächst drängen sauer-frische Früchte in den Vordergrund, wie etwa Ananas, Kiwi oder Sternfrucht. Je länger der Whisky im Glas sitzt, desto eher kommen mild-süßliche Früchte zum Vorschein. Papaya und Honigmelone, vielleicht etwas Mango, komplementieren die saureren Aromen wirksam.

Darunter liegt eine Süße, die neben der typischen Vanille an Getreide erinnert, genauer: Haferflocken. Gerade die Vanille kommt immer stärker zum Tragen und bettet die Fruchtaromen ein. Die Nase ist damit ein erstes Highlight.

Geschmack

Wuchtig tritt er an. Jedoch wird die Zunge nicht überwältigt. Freilich prickelt der hohe Alkoholgehalt, wird bisweilen sogar scharf, und vielleicht hätten ein paar Monate mehr im Fass diese Schärfe abgemindert. Nur ist dies eine Klage auf hohem Niveau, denn der Whisky ist absolut genießbar auch ohne Wasserzugabe.

Im Gegensatz zur Nase allerdings kommt er auf der Zunge überaus wild daher. Er drängt recht einseitig in Richtung der süßen Früchte und der Vanille. Dafür lassen sich weitere süßliche Geschmäcker ausmachen, besonders Mandeln bis hin zu Marzipan. Hätte er eine weniger fruchtige und stärker karamellige Note, würde er an einen Bourbon erinnern …

Abgang

Der Abgang will nicht enden. Das ist bei 62% wenig überraschend, aber erfreulich, zumal sich sanfte Wärme in der Kehle ausbreitet. Zum Schluss zeigt der Whisky noch eine andere Seite von sich, wenn würzige Eiche das Geschmackserlebnis langsam ausklingen lässt. Sogar noch ein Hauch Ingwer kommt ganz am Ende hinzu.

Fazit

Für die original abgerufenen 60 Euro ist diese Abfüllung absolut empfehlenswert. Das ist eine eher unsinnige Empfehlung, da sie restlos ausverkauft ist, aber vielleicht kommt einmal etwas ähnliches.

Ich finde aber auch, dass die Nase viel verspricht, das der Whisky auf der Zunge nicht einlösen kann. Dies ist keine ganz faire Einschätzung, da der Geschmack im Mund mehr oder weniger meinen Erwartungen entsprach: kräftig, wild, süßlich. Es ist viel eher die überraschend distinguierte Nase, die über die Erwartungen hinaus geht.

Dieser Glen Moray ist wenig gefällig, wenn nicht sogar anstrengend, aber für Freunde starken Whiskys mag genau das anregend sein. Für mich jedenfalls war es das.

Wir danken Whic.de dafür, dass sie uns diese Probe als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Kurzfassung

Scotch Single Malt Whisky, Speyside

61,9% (Fassstärke), 11 Jahre, ex-Bourbonfass

Nase: frisch-saure Früchte (Ananas, Kiwi, Sternfrucht), süße Früchte (Honigmelone, Papaya, Mango), Vanille, Haferflocken

Geschmack: wuchtiger Antritt, wild, süß-fruchtig, schlägt stärker ins Süße (Mandeln, Marzipan), unverdünnt genießbar

Abgang: lang, voll, warm, leichte Würze der Eiche und Ingwer

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