„Der erste deutsche Whisky?“ Vom Sinn und Unsinn dieser Frage

Ein Aspekt der Whisky-Geschichte in Deutschland

Keine Frage, die wichtig ist?

Fleischmann (Blaue Maus), Schraml (Steinwald/Stonewood), Falckenthal Söhne und mehr erheben den Anspruch, als erste in Deutschland Whisky hergestellt zu haben, irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg. Für fassgelagerte Getreidebrände kann wenigstens der Terminus ante quem 1900 gefunden werden. Solche Brände wiederum sind schwer von Whisky zu scheiden, besonders in der Zeit vor den Regulierungen, die meist im Laufe des 20. Jahrhundert erlassen wurden und Whisky zu dem machten, was wir heute kennen. Überhaupt dürfte in Deutschland noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg so manches Destillat mit der Bezeichnung Whisky geführt worden sein, ohne EU-Richtlinien zu erfüllen. Was soll es da bedeuten, als erster „Whisky“ auf die Flaschen geschrieben zu haben?

Einen publikumswirksamen Streit um den schmucken Titel „Ältester Whisky Deutschlands“ gibt es nicht. Der Titel wird bisweilen geführt und man lässt den anderen ihre Freude, dies ebenfalls zu tun. Für bittere Auseinandersetzungen ist der Absatz deutschen Whiskys ohnehin zu klein. Allenfalls unbedarfte Journalisten publizieren noch Berichte über diese oder jene Brennerei als Vorreiter – vermehrt in regionalen Formaten, wo die lokale Bedeutung der jeweiligen Brennerei die journalistische Relevanz diktiert.

Vielleicht noch wichtiger ist, dass die aktuell im Gespräch befindlichen deutschen Whiskys aus vergleichsweise jungen Brennereien stammen, so wie St. Kilian oder Slyrs. Selbst der traditionell anmutende Rothaus Black Forest startete in den 2000ern. Es überrascht nur bedingt, dass diese Brennereien der Frage nach dem ältesten deutschen Whisky kein Gewicht beimessen. Am Ende entscheide nicht die Tradition, sondern das Endprodukt.

Geschichte wollen sie alle!

Doch selbst bei St. Kilian wollen sie der Geschichte nicht entsagen. Ganz im Gegenteil verweisen sie darauf, dass ihr Namenspatron Kilian von den Arabern die Destillation erlernt und im 8. Jahrhundert sogenanntes Aqua Vitae gebrannt haben soll, um die Missionierung Süddeutschlands voranzutreiben. Der historische Kilian starb schon 689, also im 7. Jahrhundert, aber aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ist dieses Missverständnis noch das kleinste Problem. Die Destillation von Trinkalkohol beispielsweise kann erstmals sicher mit dem Magister Salernus bezeugt werden, mehr als ein halbes Jahrtausend nach Kilian. Und je weniger man über das Narrativ der Brennerei nachdenkt, desto besser.

Nun stört weniger, dass die Story keiner historisch-kritischen Prüfung standhält. Das ist nichts ungewöhnliches. Die Frage ist vielmehr, warum St. Kilian überhaupt glaubt, diese Geschichte erzählen zu müssen.

Die Antwort ist einfach: Geschichte gehört zum Standardrepertoire jeder Marketing-Strategie, jedenfalls solange die Kunden Wert auf die historische Verankerung eines Produktes legen. Bei Whisky als Luxusprodukt steht dieses Bedürfnis außer Frage, zumal Luxusprodukte ausnahmslos mit Innovation (Tesla) oder Tradition (Ferrari) beworben werden.

Das zeigt sich schon daran, dass es außerhalb Deutschlands genau dieselben Petitessen gibt um die Titel des ersten Whiskys, der ältesten Brennerei, der am längsten kontinuierlich produzierenden Brennerei usw… Geschichte gehört eben dazu. Nicht umsonst wirbt Bushmills mit dem Jahr 1608; nicht umsonst behauptete die Welsh Whisky Company, den Schotten um 1000 Jahre zuvorgekommen zu sein; und nicht umsonst denken sich amerikanische Marken immer abstrusere Räuberpistolen aus, um ihren MGP NDPs den Anschein von Tradition zu verleihen.

Dass deutsche Brennerei sich diesem munteren Treiben anschließen, kann ihnen kaum zum Vorwurf gemacht werden.

Whisky ist Zufall

Die fassgelagerten Kornbrände aus dem 19. Jahrhundert zählen für manche sowieso nicht. Man habe nur in Fässern gelagert, weil man sie halt lagern musste und nichts anderes zur Hand war. Der Geschmack sei dabei irrelevant gewesen und darum dürfe man sich dieses Zufallsprodukt nicht auf die Fahne schreiben.

Das ist soweit richtig, trifft jedoch auf viele Alkoholika zu – inklusive Whisky. Auch die Fassreifung unserer Lieblingsspirituose diente erst einmal zu Transport- und Lagerungszwecken. Und diese Fässer waren alles andere als ausgesucht; es wurde genommen, was vor Ort verfügbar war: Fisch, Fleisch, Bier… Nur zufällig wurde entdeckt, dass der Whisky (je nach Fass) am Ende der Reise besser schmecken konnte, als am Anfang. Die Reifung in Sherry-Fässern geht gleichsam auf den Zufall der Großen Französischen Reblausplage zurück, im Zuge derer der Cognac knapp wurde. Die europäische Schickeria suchte seinen Ersatz dann nicht im Whisky, sondern im Sherry. So stapelten sich billige Sherryfässer in ganz Europa und natürlich auch in Schottland. Und siehe da: der in ex-Sherryfässern transportierte Whisky schmeckte besser als der aus Fischfässern.

Die Reihe ließe sich beliebig fortführen. Doch eines ist klar: Whisky, wie wir ihn heute kennen, ist das Ergebnis einer Kette von absichtlichen und zufälligen Entwicklungen. Insofern sind die fassgelagerten Kornbrände sehr wohl ein Schritt Richtung deutscher Whisky.

Das Problem ist vielmehr, das von da aus nicht weiter gemacht wurde, sondern die Entwicklung abbrach. Bewusste Rückgriffe mitsamt Rezeptur, wie z.B. bei Schraml, sind die Ausnahme.

Die 2000er Jahre sind entscheidend

Valide ist außerdem die These, dass durch die Anbindung an Traditionen aus dem 19. Jahrhundert oder den Verweis auf die jahrzehntelange Tätigkeit als Whiskybrenner eine Qualität suggeriert wird, die nur wenige deutsche Whiskys aufweisen. Tatsächlich mussten hiesige Whiskybrenner in den späten 1990ern bzw. frühen 2000ern das Handwerk von der Pike auf lernen, gerade das Fassmanagement.

Die großen Qualitätssprünge wurden erst in den letzten zehn, fünfzehn Jahren gemacht, jedenfalls hielt ich in den frühen 2000ern die Masse deutschen Whiskys für untrinkbar oder bestenfalls interessant. Inzwischen jedoch überzeugen selbst junge deutsche Whiskys. Hier darf St. Kilian als Positivbeispiel herhalten.

Was vor 2000 mit deutschem Whisky geschah, ist durch diese Entwicklung in ihrer historischen Relevanz marginalisiert. Die Globalisierung und das Informationszeitalter, bzw. die damit einhergehende beschleunigte Dissipation von Fachwissen, ermöglichten den hiesigen Brennern eine ungeahnte intellektuelle Aufrüstung. Sie verbanden vor allem Kenntnisse des Fassmanagements mit dem vorhandenen traditionellen Handwerk des Destillierens, wodurch sie binnen kürzester Zeit den Anschluss an die großen schottischen Vorbilder fanden.

Einige deutsche Whiskyhersteller haben sich sogar radikal von ihren Wurzeln gelöst, so z.B. Schlepzig. Früher in erster in Linie für Scotch-artigen Single Malt bekannt, stellen sie heute als Spreewood Distillers den exzellenten Stork Rye Whiskey her. Dass diese Art Whiskey sich ganz vorzüglich mit jungem Alter verträgt, ist sicher kein Zufall. Ebenso ist kein Zufall, dass der bekanntere Verwandte, der amerikanische Rye Whiskey, als Produkt deutscher Auswanderer wie Jakob Johannes Böhm aka Jim Beam durchaus einen heimatlichen Traditionskern besitzt …

Die Antwort

Kurz: Ja, die Frage ist durchaus wichtig, nur eben nicht alles entscheidend. Vor allem gibt es keinen guten Grund, bestehende historische Entwicklungen zu ignorieren – zufällige wie beabsichtigte. … besonders zufällige! Hier hat die Geschichte des deutschen Whiskys einiges zu bieten, gleichwohl vieles davon noch sauber aufgearbeitet werden müsste.

Dazu gehört die Erkenntnis, dass deutscher Whisky erst seit den 2000ern wirklich große Entwicklungssprünge macht. Tradition kann Qualität nicht ersetzen. Am besten ist natürlich, wenn beides zusammenkommt, doch letztlich soll der Whisky nur eines: schmecken.

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