Whisky in Wales. Tausend Jahre früher als die Schotten?

Whisky aus Wales ist heutzutage untrennbar verbunden mit der Penderyn-Brennerei, der es 2000ern gelang, die walisische Whisky-Tradition mit qualitativ hochwertigen, wenn auch recht jungen Abfüllungen wiederzubeleben. Inzwischen sind neben Penderyn auch die Brennereien Dà Mhile und Aber Falls in Betrieb.

Nach über 100 Jahren hat Wales damit wieder seinen Platz unter den Whisky-produzierenden Nationen eingenommen, den es davor hunderte Jahre lang innehatte – mindestens.

Die Legende von Reaullt Hir

Denn tatsächlich reicht die walisische Tradition sehr weit zurück, angeblich bis in das Jahr 356 n.Chr.! In einem Kloster auf der Insel Bardsey soll ein gewisser Reaullt Hir die Kunst der Destillation von griechischen Kaufleuten erlernt und Whisky gebrannt haben. Weitere Hinweise auf eine sehr frühe Tradition sind angeblich durch den spätantiken Dichter Taliesen (533-599) und das Sagenbuch der walisischen Kelten (Mabinogion) auf uns gekommen.

So oder so ähnlich ist das oft zu lesen (1). Stimmt dies, datierte der walisische Whisky dem schottischen um mehr als tausend Jahre vor, der erstmals 1495 vergleichsweise sicher belegt werden kann (2). Allerdings halten die walisischen Quellen keiner historisch-kritischen Prüfung stand. Die Geschichte des spätantiken Whisky aus Wales, bzw. damals ja der römischen Provinz Britannia Prima (3), ist bestenfalls eine mittelalterliche Projektion.

 

Whisky aus Britannia Prima?

 

Die Quellenlage

Doch der Reihe nach: in der Antike war das chemische Prinzip der Destillation zwar bekannt, wurde jedoch nicht für Alkoholika verwendet (4). Griechische Kaufleute können im 4. Jahrhundert ohne weiteres in Britannien gehandelt und die Destillation mitgebracht haben (5), das Brennen von Alkohol müsste Reaullt Hir dann aber selbst erfunden haben. Das fragliche Kloster ist zudem vermutlich eine Gründung des 6. Jahrhunderts (6), gleichwohl der epigraphische Befund eine monastische Nutzung der Insel bereits im 5. Jahrhundert nahelegen mag (7). Und Reaullt Hir selbst taucht in keiner auch nur ansatzweise spätantiken Quelle auf; dazu später mehr.

Auch der Behauptung, Taliesen erwähne Whisky, ist mit Vorsicht zu begegnen. Seine Werke wurden erst Jahrhunderte nach seinem Tod kompiliert, etwa im Llyfr Taliesin und im Mabinogion aus dem 14. Jahrhundert. Beide greifen durchaus frühere Traditionen auf, deren genaue Datierung allerdings ist schwierig (8). Ein Argument für Whisky im 6. Jahrhundert lässt sich darauf nicht aufbauen, zumal eigentlich auch von einem fermentierten, nicht destillierten Produkt die Rede ist:

 

May abundance of mead be given Maelgwyn of Anglesey, who supplies us

From his foaming meadhorns, with the choicest pure liquor.

Since bees collect, and do not enjoy,

We have sparkling distilled mead which is universally praised.

(Song to Mead, Book of Taliesin 19, Übers. Lady Charlotte Guest)

 

Hier wird vermutlich eher der übliche, fermentierte Met besungen, keine daraus destillierte Spirituose. Darüber hinaus wäre zu fragen, ob im walisischen Original auch von Destillation zu lesen ist, oder ob die Übersetzung hier nicht etwas freier gestaltet ist. Gewiss kann und darf nicht ganz ausgeschlossen werden, dass destillierter Met gemeint ist, als sicherer Beleg taugt diese Stelle allerdings eben so wenig.

Eine spätantike Praxis zum Brennen von Whisky in Wales bleibt damit fragwürdig. Ganz abgesehen davon hätte destillierter Met so oder so wenig mit Whisky gemein und besäße Seltenheitswert. Heutzutage wird eher Whisky mit Honig verschnitten, doch das ist ein anderes Thema …

Die nüchterne Wahrheit

Es lohnt, einen genaueren Blick auf die Geschichte um Reaullt Hir zu werfen. Die Quellenlage ist schnell erfasst: es gibt keine. Reaullt Hir, gelegentlich mit variierter Schreibweise, taucht ausschließlich in Publikationen auf, die im Zusammenhang mit dem modernen walisischen Whisky stehen. Seine älteste Erwähnung ist weder antik, noch mittelalterlich, sondern von 1976. (9)

Das ist kein Zufall, sondern hat wohl einen einfachen Grund: die Welsh Whisky Company begann mit dem Vertrieb des Swn y’Mor, des ersten walisischen Whiskies seit 1903 (10). Als dann der höherwertige Prince of Wales-Whisky ab 1986 abgefüllt und verkauft wurde, häuften sich die Nennungen von Reaullt Hir. Eigentümer Dafydd Gittins bewarb die Flasche unter Verweis auf die lange walisische Whisky-Tradition, die er selbst recherchiert habe (11). Gelegentlich wird auf eine mündliche Überlieferung verwiesen (12), deren Verifikation naturgemäß schwer ist.

Von da an verselbstständigte sich die Geschichte und Überblicksdarstellungen zum Whisky in Wales gaben sie unkritisch wieder (13). Auch viele Whisky-Shops bauen sie in ihre Beschreibungen ein, denn eines steht außer Zweifel: es ist eine schöne Geschichte. Nur leider dürfte sie genau zu diesem Zweck erfunden sein, nämlich um eine schöne, verkaufsbegleitende Geschichte haben.

Die Hintergründe

Es ist in der Whisky-Welt nicht ungewöhnlich, sich eine alte Tradition geben zu wollen. Auch Bushmills z.B. geht bekanntlich allenfalls indirekt auf das Jahr 1608 zurück – dem Jahr, in dem eine Lizenz zum Brennen von Whisky erteilt wurde. Die Brennerei selbst ging erst Mitte des 18. Jahrhunderts in Betrieb.

Der Fall des spätantiken Whiskys ist noch etwas dreister und erklärt vielleicht sich daraus, dass die Spätantike in den 70er Jahren selbst unter Althistorikern eine oft stiefmütterlich behandelte Epoche war (14). Es hätte durchaus sein können, dass es eine Geschichte wie die von Reaullt Hir gab, die nur nicht allgemein bekannt war und auf die Wiederentdeckung wartete.

Außerdem hat die Geschichte von Wales einen starken spätrömischen Bezug, beispielweise wurde der Usurpator Magnus Maximus 383 in Britannien zum Kaiser ausgerufen und nahm seitdem als Maxen Wledig einen festen Platz in walisischer Folklore ein (15). In diesem Zusammenhang mag ein spätrömischer Whisky-Brenner vielleicht gar nicht so abenteuerlich angemutet haben.

Aus einer marketing-strategischen Sicht heraus betrachtet, gelang Dafydd Gittins damit ein Meisterstück. Denn obwohl er mit seinem Versuch (vorerst) scheiterte, den walisischen Whisky in den 80ern wiederaufleben zu lassen, geistert die Legende von Reaullt Hir bis heute munter durch die Whisky-Welt.

Dabei hat der walisische Whisky eine stolze, historische Tradition. Evan Williams etwa kam aus Wales und lernte dort das Whisky-Brennen, bevor er emigrierte und eine erfolgreiche Bourbon-Destillerie in Kentucky begründete.

Angesichts dessen und der hohen Qualität des aktuellen walisischen Whiskys besteht kein Bedarf für übermäßige Mythologisierung desselben. Freuen wir uns einfach über edle Tropfen aus einer historischen Region. Ich jedenfalls kann es kaum abwarten, bis Penderyn einen Whisky mit Altersangabe auf den Markt bringt. Das ist die Art von Jahreszahl, die ich lesen möchte.

 

Endnoten:

  1. vgl. Gavin D. Smith: A-Z of Whisky, with a Foreword by Richard Patterson, Glasgow 2011, ch. 7; Andrew Jones: Whisky Talk. A Spirited Collection of Facts and Essential Information on the Whiskies of the World, London 1997, S.34, u.v.m.
  2. vgl. Rotuli scaccarii Regum Scotorum, a.1495: Et per liberacionem factam fratri Johanni Cor per perceptum compotorum rotulatoris, ut asserit, de mandato domini regis ad faciendum aquavite infra hoc compotum viii bolle brasii (The Exchequer Rolls of Scotland, Bd. 10: 1488-1496, hg. von George Burnett, Edinburgh 1887, S.487)
  3. vgl. Thomas Charles-Edwards: Wales and the Britons, 350-1064, Oxford 2012, S.31. Das heutige Wales ist eine poströmische Entwicklung. Die Region wäre 356 der Britannia Prima zugeordnet gewesen und hätte in dessen Westen gelegen.
  4. vgl. s.v. Destillation, in: Metzler Lexikon Antike, hgg. von Kai Brodersen/ Bernhard Zimmermann, Stuttgart u.a. 2006, S.137f.
  5. vgl. Michael Fulford: Economic Structures, in: Malcolm Todd (Hg.): Companion to Roman Britain, Malden u.a. 2006, S.309-326; ders.: Britain and the Roman Empire. Evidence for Regional and Long Distance Trade, in: Richard F.J. Jones (Hg.): Roman Britain. Recent Trends, Sheffield 1991, S.37-45.
  6. vgl. Marry Chitty: The Monks of Ynys Enlli. Part 1: 500AD to 1252 AD, Aberdaron 1992 für einen grundlegenden Überblick.
  7. vgl. Inscriptiones Britanniae Christianae, hg. von Emil Hübner, Berlin 1876, Nr.144: Senacus / pr(e)sb(yter / hic iacit / cum multitu / d(i)nem / fratrum und Nr. 145: Veracius / p(res)b(yte)r / hic / iacit. Diese Inschriften können in das 5. oder 6. Jahrhundert datiert werden, vgl. Elizabeth Rees: An Essential Guide to Celtic Sites and Their Saints, Oxford 2003, S.94.
  8. vgl. Marget Haycock, s.v. Taliesen, in: Jacqueline A. Fay/ Helen Fulton/ Geoff Rector (Hgg.): The Encyclopedia of Medieval Literature in Britain, New York 2017, von: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/9781118396957.wbemlb222
  9. vgl. The Welsh, too, are into Whisky, in: British Record 1,3,4-17, British Information Services, New York 1976.
  10. vgl. South Wales Whisky Interest Group: Whisky in Wales, 2015, von: http://blog.swwig.co.uk/aboutswwig/whisky-in-wales/
  11. vgl. z.B. Scott Joseph: Whiskey’s Welsh Accent. Prince Of Wales Brand One Of A Kind, Orlando Sentinel, 29. Juni 1989, von: http://articles.orlandosentinel.com/1989-06-29/lifestyle/8906290307_1_welsh-whiskey-gittins-wales-welsh; außerdem: The Wine Spectator, Bd. 14, 1989, S.100f.; Wine & Spirit International, Bd. 111, 1988, S.27f.; Brian Murphy: The World Book of Whiskey, Chicago 1979, S.171.
  12. vgl. Andrew Jones, loc. cit.
  13. vgl. z.B. Perry Luntz: Whiskey and Spirits For Dummies, Indianapolis 2007, S.129.
  14. Vgl. Walter Pohl: Übergänge von der Antike zum Mittelalter – Eine
    unendliche Debatte?, in: Michaela Konrad / Christian Witschel (Hgg.):
    Römische Legionslager in den Rhein- und Donauprovinzen – Nuclei
    spätantik-frühmittelalterlichen Lebens?, München 2011, 47-62, für einen
    Überblick zur Debatte.
  15. vgl. als Überblick: John Matthews: Macsen, Maximus, Constantine, in ders. (Hg.): Roman Perspectives. Studies in the Social, Political and Cultural History of the First to Fifth Centuries, Swansea/ Oxford 2010, 361-378.

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