Rossville Union Rye Barrel Proof

Die Rückkehr der Roggenmeister

Indiana. Die Heimat der Roggenmeister

„Masters of Rye“ nennen sich die Brenner bei Ross & Squibb in Lawrenceburg, Indiana, und was dem ersten Anschein nach vermessen klingen mag, ist in Wahrheit durchaus zutreffend. Der Name mag neu sein, denn er wurde der Brennerei erst 2021 verliehen, doch operiert sie seit 1847 – und das ununterbrochen; sie hat sogar die Prohibition unbeschadet überstanden. Bekannter ist sie unter dem Namen Midwest Grain Products of Indiana. Seit Jahrzehnten versorgt sie amerikanische Marken mit Whiskey, der dann unter anderem Namen abgefüllt wurde (NDP: Non-Distillery Product).

Nun jedoch möchte der Inhaber Luxco seine eigenen Marken groß machen und dafür braucht es klingende Namen: Ross, nach dem Gründer der Brennerei, und Squibb, nach einer historischen Brennerei in Lawrenceburg.

Der Ausstoß bei MGP war schon immer gewaltig und selbst relativ günstige Abfüllungen von Dritten (NDPs) zeichneten sich durch solide Qualität aus. Insbesondere die seit 2010 en masse auftretenden Rye Whiskeys stammten mehrheitlich aus Indiana und da waren einige exzellente Vertreter dabei. Zusammen mit ihrer langen Tradition dürfen sich die Brenner bei Ross & Squibb mit gutem Recht als Meister des Roggens bezeichnen.

Insofern können wir uns glücklich schätzen, dass ihre Eigenmarken endlich den Weg nach Deutschland finden. Unser erstes Ziel war natürlich Rossville Union, also der Rye Whiskey, benannt nach der alten Brennerei, die George Ross 1847 gegründet hat. Und natürlich sind die Ansprüche hoch.

Rossville Union Barrel Strength an der Alten Nationalgallerie vor dem Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV.
Friedrich Wilhelm IV regierte in Berlin als in Lawrenceburg der Vorfahre dieses Ryes gebrannt wurde

Dreiundachtzig Fässer und zwei Mash Bills

Der vorliegende Barrel Proof entstand aus der Vermählung von nicht weniger als 83 Fässern, was für sich bereits einen Einblick in die Größenordnung der Operation in Lawrenceburg verschafft. Das Alter der Whiskeys liegt dabei zwischen fünf und sechs Jahren und dies ist für Rye ein vielleicht optimales Alter. Das Destillat macht sich noch deutlich bemerkbar und trotzdem übt das Fass erheblichen Einfluss aus. Angesichts des per Gesetz zum Einsatz kommenden Virgin Oak genügt dafür ohnehin eine recht kurze Zeit. Soweit, so unspektakulär. Die Kombination aus Roggendestillat und Virgin Oak, abgefüllt in Fassstärke ist altbewährt, hier übrigens 56,3% ABV.

Bemerkenswerter ist da schon die Vermählung zweier Mash Bills, i.e. die Zusammensetzung verschiedener Getreidesorten in der Maische. Der Rossville Union Barrel Strength 083 besteht zu Teilen aus einer Mash Bill mit 95% Roggen plus 5% gemälzter Gerste, zu Teilen aus einer Mash Bill mit 51% Roggen, 45% Mais und 4% gemälzter Gerste. Ersteres ist die wohl bekannteste Art Rye, verwendet in unzähligen NDPs. Sie ist extrem würzig und kräuterig. Dagegen sorgt der hohe Maisanteil in der anderen Maische für ein dem Bourbon näherkommendes Geschmacksprofil. Gerade weil die Varianz in der Fassauswahl sehr eingeschränkt ist, spielen amerikanischer Brenner sehr gern mit ihren Mash Bills.

Hier könnte das Ziel gewesen sein, den Rossville Union eben von all den NDPs abzusetzen. Diese nämlich verwenden fast immer die allzu bekannte Mash Bill mit 95% Roggen. Ein Blend mit einer anderen Mash Bill hingegen dürfte eine hauseigene Spezialität sein. Leider ist das Mischungsverhältnis nicht bekannt, daher hilft nur das Probieren.

Nase

Da scheint das halbe Würzregal im Glas gelandet zu sein. So finden sich Pfeffer, Nelke, Zimt, Muskat und Kurkuma. Als Gegengewicht fungieren frische Kräuter von Pfefferminz, Eukalyptus und Borretsch. Die Frische rührt zum Teil aber auch von Zitrusfrüchten her, vor allem Orange. Darunter liegt eine massive Schicht von Karamell, zu der man sich allerdings erst durcharbeiten muss.

Geschmack

Der Rossville Union zeigt scharfe Würze auf der Zunge, fast als wäre noch Habanero zum Gewürzregal hinzugekommen. Es ist dagegen nicht ein Hauch alkoholischer Schärfe zu vermerken, sodass das Mundgefühl merkwürdig seidig ist bei all der Würze. Die Frische ist nun deutich zurückgetreten und gibt der Süße mehr Raum. Keksteig, wieder viel Karamell und Blütenhonig entfalten sich im Mundraum.

Abgang

Der Nachhall scheint weniger intensiv als erwartet, doch bleibt gerade die Würze noch überraschend lange am Gaumen.

Rossville Union Barrel Strength vor dem Berliner Dom
Himmlischer Genuss

Fazit: Die Rückkehr der Roggenmeister

Der Rossville Union Barrel Proof beweist, dass „Masters of Rye“ keine unberechtigte oder gar inhaltsleere Prahlerei ist. Dies ist ein phantastischer Rye Whiskey. Seine Größte Stärke liegt im ebenso gekonnten wie mühelosen Spiel von starker, scharfer Würze und schwerer Süße. Generell macht genau dies den Rye Whiskey als Gattung so attraktiv. In Lawrenceburg wurde dieses Spiel ganz offenkundig perfektioniert. Hinzu kommt eine beachtliche Kompexität, da trotz der Schärfe zahlreiche einzelne Aromen ohne Weiteres herausdifferenziert werden können.

Dies wundert kaum. Der Rossville Union Barrel Proof ist das Ergebnis von vielen Generationen Erfahrung in nahezu ungebrochener Traditionslinie. Und anders als der Scotch Single Malt, der erst im 20. Jahrhundert langsam zu dem heranwuchs, was wir heute genießen, war der Rye Whiskey bereits im 19. Jahrhundert im Grunde fast voll entwickelt. In Deutschland mag dies nahezu Blasphemie sein, aber gewissermaßen hat der Rossville Union eine längere Tradition als die schottischen Malts.

Von solcher Ketzerei abgesehen dürfte unstrittig sein, dass dieser Whiskey ein top Vertreter des Ryes ist. Er erinnert uns außerdem daran, dass der europäische Rye vergleichsweise jung ist und am Anfang seiner Reise steht. Auch wenn der Euro-Rye sich nicht zu verstecken braucht und mit Innovation punktet, demonstrieren hochklassige Abfüllungen wie der Rossville Union Barrel Strength den Wert, den 150 Jahre Tradition und Expertise mit sich bringen.

2 Comments

  • Balcones Eclipse Texas Rye Cask Strength - DoktorWhisky.de 10. März 2024 at 0:08 Reply

    […] Jedoch erfordert dieser Texaner viel Aufmerksamkeit und Konzentration. Es gibt elegantere Ryes in Fassstärke, doch es ist wahrlich ein Whisky, an dem sich Fans abarbeiten können und […]

  • George Dickel Rye Whisky - DoktorWhisky.de 28. April 2024 at 0:45 Reply

    […] der Flasche, dass dieser Whisky in Lawrenceburg, Indiana, produziert wurde. Er stammt also vom Roggengroßmeister MGP, wurde dann aber von George Dickel kühlgefiltert und in den eigenen Fässern sowie […]

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