Unser Jahr des deutschen Rye Whiskys 2022

Teil 2. Süddeutschland zieht nach

Wie steht es um den deutschen Rye?

Von Anfang an lag ein besonderes Augenmerk unserer Website auf dem deutschen Whisky. Unsere seit 2020 vollzogene Schwerpunktbildung auf den Rye Whisky ist angesichts der Entwicklungen in Deutschland fast folgerichtig, gleichwohl sie durch eine schon länger bestehende Vorliebe für nordamerikanischen Rye beflügelt wurde.

Im letzten Jahr blickten wir umfassend auf diese Entwicklungen zurück. Wir konstatierten, anders als beim Single Malt, die schnell erreichte Konkurrenzfähigkeit der deutschen Brennereien. Sie ist auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen, darunter ein inzwischen Jahrzehnte währender Erfahrungsschatz in der Produktion von Whisky, die günstigen Eigenschaften des Getreides Roggen, die schon nach kurzer Reifezeit gute Resultate erlauben, und die Innovationsfreude Made in Germany. Die guten deutschen Ryes können es sogar mit den Schwergewichten aus Amerika aufnehmen, auch wenn die am Ende immer noch einige Vorteile auf ihrer Seite wissen – nicht zuletzt den Preis.

Der Fokus der letztjährigen Betrachtung lag auf norddeutschen Ryes; teilweise unserem Einzugsgebiet Berlin geschuldet, teilweise der im Norden stärker ausgeprägten Neigung zum Roggen. Zuletzt mag auch der Zufall eine Rolle gespielt haben. In diesem Jahr kam Süddeutschland erstaunlich oft zum Zuge und auch dieser Umstand zeigt, dass Rye in Deutschland generell beliebter wird. Er steht natürlich noch weiter hinter dem Single Malt und auf absehbare Zeit ändert sich dies wohl nicht. Der Anfang jedoch ist gemacht.

Unsere Rezensionen deutschen Ryes 2022

Ist süddeutscher Rye anders?

Tatsächlich lässt sich kein substantieller philosophischer Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden erkennen. Auf beiden Seiten der Mainlinie dominiert die Lust am Experiment in Absenz der großen Säulenheiligen, denen nachgeeifert werden müsste. Allenfalls ein stärkerer Hang zur Weinfassreifung läge nah, aber selbst dies ist weitem nicht so auffällig wie zu vermuten stünde.

Der anfängliche Verdacht, dass Rye im Süden eher ausnahmsweise im Programm der Brennereien stünde, erhärtete sich nicht. Er trifft auf die ein oder andere Brennerei zu, besonders die älteren wie Owen. Allerdings hat praktisch kaum eine Brennerei so etwas wie eine Core Range, jedenfalls nicht in dem Sinne der amerikanischen und schottischen Granden. Allein darum geht dieses Argument ins Leere. Und dort, wo es ein festes Kernsortiment gibt, so bei Slyrs, ist Rye auch prompt Teil desselben geworden.

Überhaupt liegt die Genese der Frage nach süddeutschen Eigenheiten in unserem Wunsch begründet, dass sich der deutsche Rye Whisky besser als Gattungsbegriff etabliert, sodass wie z.B. in Schottland regionale Spezifika leichter hervorstechen können. Andererseits ist Schottland mit Blick auf die anderen Mutterländer des Whiskys, Irland und USA, mehr die Ausnahme als die Regel. Und wenigstens im Moment tut es dem deutschen Rye Whisky gut, so viele Freiheiten zu genießen.

Im vereinten Rye-Deutschland: drei Highlights

Wir haben 2022 insgesamt zehn deutsche Rye Whiskys rezensiert, eine Auswahl von dreien ist daher nicht leicht. Sie erfolgt nach der Maßgabe des Whiskys mit dem besten Preisleistungsverhältnisses, des Whiskys mit der außergewöhnlichsten Veranlagung und des Whiskys, der uns einfach am meisten geschmeckt hat. Natürlich sind dies subjektive Kriterien. Rezensionen sind subjektiv, egal wie groß das Bemühen um Objektivität sein mag. Wir sind uns dessen bewusst. Unsere Tipps sind eben nur das: unsere Tipps.


Der Verlässliche: Glina Rye 8 Jahre aus dem Sherryfass

Kaiserwetter mit Kaiserwhisky

Wenig überraschend landet ein neuer Glina von Michael Schultz’s Brennerei an der Spitze. Allerdings ist hier eben nach wie vor die sehr gute Balance zwischen dem sehr frischen, kräuterlastigen Destillat und dem schwer dröhnendem Fass mit seinen süß-fruchtigen Noten zu loben.

Allmählich verschiebt sich die Balance Richtung Fass – das legt besonders der Vergleich zum Vorgänger offen, der fünf Jahre im Holz lag. Tatsächlich präsentiert sich nicht zuletzt die Eiche als wesentlich wuchtiger.

Der Whisky ist darum trotz einer vermeintlich zurückhaltenden Alkoholstärke von 46,1% ABV sehr intensiv, aber erfahrenen Single Malt-Drinkern als Einstieg in die Welt des Ryes nur zu empfehlen.

Der PLV-Sieger: Freimeister Rye 094

Strahlendes PLV

Gebrannt von Rüdiger Sasse und unabhängig abgefüllt vom Freimeisterkollektiv in Berlin bezeugt allein die minimalistische Ausstattung mit Standardlanghalsflasche den Anspruch, möglichst viel Spirituose für möglichst wenig Geld zu liefern. Das Ziel wird mit dem 094 erreicht.

Der Rye ist gut durchdacht, kompetent gemacht und sehr lecker. Beim Preis von knapp 30 Euro macht niemand mit dem Kauf etwas falsch.

Der Exot: Danne’s Rauch-Rogga

starker Exot

Peated Rye, auf so eine Idee kommen nur Brenner im Land der Ideen, Deutschland. Vielleicht vermissten die Schwaben vom Bellerhof auch einfach den Rauch. Also lagerten sie ihren Rye in Fässern, die vorher Laphroaig trugen. Zusammen mit einer Reihe anderer Fässer und einer unverdünnten Alkoholstärke von 56,1% ABV bringt er starke, ungewöhnliche und spannende Aromen mit sich.

Vor allem die Komplexität des Whiskys beeindruckt nachhaltig. Und das Laphroaig-Fass arbeitet. Mir ist er einen Tick zu rauchig und vermutlich werde ich keine zweite Flasche kaufen. Der Kauf einer ersten Flasche sei aber Rye-Fans wie Peat-Heads dringend ans Herz gelegt.


Geheimtipps und Hoffnungsträger

Die Ryes, die es nicht in die obige Auswahl geschafft haben, sind ebenfalls gut – andernfalls hätten wir sie nicht rezensiert. Nicht zuletzt der Betz Rye verdient gesonderter Erwähnung, da es ihr Roggenerstling ist und bereits jetzt voll überzeugt, trotz der etwas konventionellen Ausrichtung. Was da noch kommen kann, mit größerer Alkoholstärke oder anderen Fässern etwa, regt unsere Phantasie gehörig an. Angesichts des beinahe konstant hohen Niveaus der ersten Welle von Betz-Whiskys im letzten Jahr rangiert diese Brennerei als Hoffnungsträger und Geheimtipp gleichermaßen.

Sicher ein Geheimtipp ist der Gryphon Rye der Rostocker Rittmeister Destille. Es ist ein anspruchsvoller, ja schwieriger Whisky, der den Genießern einiges an Geduld abverlangt. Diese Geduld belohnt der Greif allerdings mit einem komplexen, wenn auch bisweilen abrupten Wechselspiel stark würziger und stark süßer Noten.

Zuletzt sollte noch der Slyrs Rye Erwähnung finden. Die Tatsache, dass mit Slyrs ein Urgestein des deutschen Single Malts in die Welt Roggenwhiskys eingetaucht ist, verdient an sich der Beachtung und unterstreicht erneut die wachsende Bedeutung des Ryes in Deutschland. Allerdings haben die Bayern doch eher den kleinen Zeh in die weite Roggensee gestippt; es scheint ein zaghafter Vorstoß. Die gute Nachricht ist jedoch, dass uns vom Schliersee eindeutig die Bereitschaft zu weiteren, stärkeren Ryes signalisiert wurde.

Evolution statt Revolution – Eckpfeiler und Definitionen. Ein Fazit

Die rasante Entwicklung des deutschen Ryes zu seiner jetzigen Qualitätsstufe schließt revolutionäre Sprünge eigentlich aus, zumal nahezu sämtliche möglichen Maische- und Fasskombinationen bereits ausprobiert worden sind. Allenfalls über Holz- oder Torfrauch getrockneter Roggen bliebe noch als Spielfeld, also Smoked Rye bzw. (echter) Peated Rye.

Die Zukunft wird also eher evolutionäre Schritte bringen, ein sorgsames Feintuning und eine gewisse Vereinheitlichung der Linienführung. Bei aller Experimentierfreude ist nämlich klar, dass nicht jedes Experiment gleichermaßen erfolgreich sein kann und dass bestimmte Stile des Ryes beliebter sind als andere. Der momentane Wildwuchs dürfte sich nicht verstetigen. Dies muss nicht zu einer Vereinheitlichung wie in den USA führen, aber ein paar Eckpfeiler des deutschen Ryes wären wünschenswert. Ein solcher Eckpfeiler könnte etwa die Verwendung von (Stark-)Weinfässern sein, oder die Mehrfachreifung, die deutschen Brennern ohnehin gern zum Einsatz bringen.

Bis heute gibt es keine allgemeingültige Definition von deutschem Rye Whisky, weder rechtlich sonst sonstwie – außer dem, was EU-Verordnung 2019/787, Anhang 1.2, festlegt. Und das bietet allen Freiraum. So sehr wir uns über die gut ausgenutzten Freiräume und die daraus resultierenden Experimente freuen, so sehr wünschen wir uns etwas mehr Trennschärfe. Eine Definition heißt nämlich nicht, dass plötzlich deutscher Rye in ein starres rechtliches Korsett gezwängt werden müsste. Vielmehr schafft eine Definition, so lose sie ist, auf Konsumentenseite mehr Klarheit und Vertrauen. Es reichte schon das klare Statement, dass deutscher Rye zu mindestens 51% aus Roggen besteht und dieser Roggen in Deutschland angebaut wurde. Das sind keine schwer zu erreichenden Kriterien und sie engen niemanden ein. Aber sie geben die Sicherheit, dass der Terminus German Rye Whisky bei steigender Popularität nicht zum bloßen Etikett verendet. International finden sich ja schon Whiskys, die als Rye ausgewiesen sind, ohne dass Roggen die Mehrheit in der Maische darstellte. Das sollte hier nicht passieren. Ob darüberhinausgehende, weitere rechtliche Definitionen wünschenswert sind, bliebe zu diskutieren.

Das alles ist noch Zukunftsmusik. Erst muss sich der Rye noch stärker durchsetzen und sich selbst finden, d.h. seine besten Spielarten fester etablieren und die weniger erfolgreichen hinter sich lassen.

Das Jahr 2023: ein Blick auf Europa

Im neuen Jahr wird es Zeit, sich genauer mit den anderen europäischen Ryes zu beschäftigen. Wir haben bereits zwei Roggenwhiskys aus Finnland rezensiert und einen aus Tschechien. Doch fast alle unsere Nachbarn brennen Ryes: Österreich, Dänemark, Niederlande, Polen, Schweiz, Schweden… Gerade in Skandinavien findet sich in Relation zur Bevölkerungsdichte bemerkenswert viel Rye Whisky.

Es sollte sich also lohnen, einen Blick jenseits der Grenze zu werfen und einen Vergleich mit den heimischen sowie den amerikanischen Ryes zu wagen.

No Comments

Leave a Comment