Mick Herron: Die Jackson Lamb-Reihe II

Teil 2: Dead Lions

~ Es wird weiter versagt… ~

Wer nach „Slow Horses“ – dem ersten Buch von Mick Herron um den MI5-Agenten Jackson Lamb und seine Versagertruppe – so angefixt war wie ich, wird sich freuen zu hören, dass die Serie munter weiter geht, auch wenn wir uns von einigen Protagonisten direkt nach dem Kennenlernen wieder verabschieden mussten. Aber wie Lamb so richtig feststellt, gibt es immer wieder neue Versager, mit denen man die Büroräume in Slough House auffüllen kann.

~ …und getrunken ~

Nicht nur versuchen alle Slow Horses wieder, den Weg zurück ins Hauptquartier des MI5 zu finden, nein, es wird wieder gepöbelt und getrunken, was das Zeug hält. Und auch in diesem Buch wird die Whisky-Vorliebe eines Hauptcharakters enthüllt – die von Lamb selbst, der in der kompletten Buchreihe durch einen äußerst ungesunden Lebensstil auffällt. Er hat eine Vorliebe für Talisker, und so wollen wir es ihm gleich tun und für diese Besprechung gleich einen Talisker ins Glas gießen.

~ The Slough House series #2 – Dead Lions (2013) ~

Die Story.

Ein ehemaliger Spion wird tot in einem Bus gefunden, Lamb ist alarmiert und findet bei seinen Ermittlungen einen Hinweis darauf, dass der Mord mit einem gerüchteweise von den Sowjets ins Leben gerufenen Schläfernetzwerk in Zusammenhang steht. Es scheint, als habe sich dieses Netzwerk direkt vor der Nase des MI5 einquartiert und warte auf das große Erwachen.

Parallel dazu werden zwei Slow House Mitarbeiter vom Hauptquartier damit beauftragt, einen russischen Oligarchen zu beschützen, der vordergründig Geschäfte in London plant, aber vielleicht auch ganz andere Pläne verfolgt – ebenso wie das Hauptquartier des MI5 selbst, denn auch dort gibt es Karrieristen, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Ziele verfolgen. Und erneut ist es nicht nur die Bedrohung von außen, die unseren Anti-Helden zu schaffen macht, sondern der Feind von innen, in Form von Kollegen und Vorgesetzten. Und während sich diese beiden Handlungsstränge unaufhaltsam auf einander zubewegen, gilt es herauszufinden, was alte kalte Krieger und neureiche Oligarchen miteinander verbindet.

Während sich das erste Buch mit hoch aktuellen politischen Entwicklungen in Großbritannien beschäftigte und bereits 2010 die Abkehr Großbritanniens von Europa vorher sah, beschäftigt sich diese Geschichte mit den langen Schatten der Vergangenheit. Und wieder trifft der Autor einen Nerv: Ein Ex-Agent wird mit Kontaktgift getötet und die Spur führt nach Moskau – wie es sich 2018 in Salisbury tatsächlich ereignete. Dabei bleibt Herron seinem Stil treu, die Geschichte entwickelt sich langsam aber beständig, wir lernen die einzelnen Protagonisten noch näher kennen. Ständige Perspektivwechsel sorgen für Spannung, sprachgewaltige Dialoge für den Humor, den es braucht, um an dieser Welt, die hier in ihrer ganzen Infamie sehr genau seziert wird, nicht zu verzweifeln.

Der Whisky

Wer über dieser Welt nicht verzweifelt, aber definitiv zum Zyniker geworden ist, ist Lamb. Wenn er nicht gerade seiner Umgebung, und vor allen seinen Untergebenen, mit Pöbeleien und mangelhafter Körperpflege zusetzt, frönt er seiner Vorliebe für Talikser.

„Lamb closed his window, pulled down his blind and poured a glass from the Talisker kept, true to cliché, in his desk drawer. As he drank, his gaze slipped out of focus.“

Herron, Dead Lions, S. 242

Am liebsten aber verbindet er all diese Tätigkeiten und stellt dabei gern auch seiner Assistentin Catherine, einer trockenen Alkoholikerin, ein Gläschen auf den Tisch.

„On the desk, next to his feet, was a bottle of Talisker, and in his hand was a glass. […] Catherine Standish spoke from the doorway […]. ‘You drink too much.’

In answer, he raised his glass and studied its contents. Then drained it in a single swallow, and said, ‘You’d know.’

‘Yes. That’s my point.’ She came in to the room. ‘Having blackouts yet?’

‘Not that I remember.’

‘If you can joke about it, you’ve probably not started wetting yourself. There’s a treat in store.’

‘You know what’s good about reformed drunks?’ Lamb said.

‘Please tell.’

‘No, I’m asking. Is there anything good about reformed drunks? Because from where I’m sitting, they’re just a pain in the arse.’

Catherine said, ‘You know, that would still work if you took the word reformed out.’ Lamb gave her a penetrating stare […]. Then he farted.

Herron, Dead Lions, S.144

Besonders in Lamb scheint der Autor seine eigene dunkle Seite auszuleben – all die Unverschämtheiten, die man im tristen (Berufs-)Alltag so gern tun oder sagen würde, für die man aber viel zu gut erzogen ist. Also ist es Lamb, der stellvertretend ungeniert rüpelt.

Doch natürlich ist das nur eine Seite seines vielschichtigen Charakters. Wenn es hart auf hart kommt, steht er hinter seinen Leuten. Er intrigiert und lügt für sie und befreit sie aus allen Notlagen, denn hinter der rauen Fassade steckt ein weiches Herz. Daher ist der Talisker, hinter dessen pfeffrigen Schärfe und seinem gewaltigen Antritt sich auch eine malzig-süße, sanfte Note versteckt, eine hervorragende Wahl für diesen Charakter.

Fazit

Nachdem mir das erste Buch eher aus Zufall in die Hände gefallen ist, kann ich mir nur selbst zu dieser Entdeckung gratulieren. Je mehr ich von den Slow Horses lese, desto mehr wachsen sie mir ans Herz. Die Charaktere sind großartig gezeichnet, der Humor ist umwerfend und die Geschichte spannend.

Darüber hinaus ist die Genauigkeit, mit der Herron den Zustand der britischen Gesellschaft analysiert und auch die Verhältnisse und Unfähigkeiten von Verwaltungen und großen Organisationen auseinander nimmt, zugleich zu Tode deprimierend und absolut köstlich.

Wir können daraus schließen, Mick Herron ist ein kluger Mann und auch dieses Buch sehr lesenswert.

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