Craft Spirits Festival 2019

Ein Schnaps ist ein Schnaps ist ein Schnaps? Aber mitnichten, liebe Freunde, wie wir beim Craft Spirits Festival am ersten Märzwochenende diesen Jahres feststellen konnten …

Von kleinen Brennern und großen Bränden

Auf dem Craft Spirits Festival in der Heeresbäckerei Berlin finden sich Kleinbrennereien und Spirituosen, die man bei den großen Händlern vergeblich sucht. Das Label ‚Craft Spirit‘ haben sich diese Brände redlich verdient. Whisky spielte nur eine Nebenrolle, doch haben Karen und ich dem Festival spontan einen Besuch abgestattet. Zum Glück! Wir haben wirklich viele spannende Sachen entdeckt und neuen Respekt vor vermeintlich einfachen Spirituosen entwickelt. Außerdem gab es ein schönes Rahmenprogramm von Vorträgen und Verkostungen, die den Besuch abrunden. Da unsere Kernkompetenz aber beim Whisky liegt, möchten wir diesen in den Mittelpunkt rücken.

Deutscher Whisky (1). Der Vortrag

Wir starteten unseren Sonntagsbesuch mit einem Vortrag zum Thema deutscher Whisky von Christian Schrade (Idea-Distillers). Der Vortrag war rhetorisch geschliffen, kenntnisreich und durch stylische Slides sowie eine Blindverkostung begleitet. Vielleicht die interessanteste Erkenntnis war die Vielfalt der Geschmäcker, die deutscher Whisky inzwischen bedienen kann. Bei der Blindverkostung standen nämlich vermeintlich ein Amerikaner, ein Schotte und Deutscher zum Tasting bereit und tatsächlich schmeckten sie den Verkostern auch entsprechend unterschiedlich. Es waren jedoch alles deutsche Whiskys. Das ist natürlich ein beliebter Trick, aber wirkungsvoll war er trotzdem.

Christian Schrade (Idea-Distillers)

Wenn ich einen Kritikpunkt hätte, dann die unnötige Tendenz zur Apologie. Es stimmt zwar, dass viele Whisky-Liebhaber den deutschen Whisky vorverurteilen oder ihm wenigstens misstrauen. Genauso viele Liebhaber geben ihm aber immer wieder eine Chance. Ich bin mir auch nicht sicher, wie weit das Argument der mangelnden Tradition und Erfahrung verglichen mit den Schotten trägt: Kavalan (Taiwan), Amorik (Frankreich) und andere international erfolgreiche ‚Newcomer‘ haben auch keine Jahrhunderte der Erfahrung. Wir werden dem Thema deutscher Whisky auch noch einen eigenen Artikel widmen. Jetzt aber zurück zum Festival.

Deutscher Whisky (2). Die Aussteller

Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, Christians Tipp zu beherzigen und die deutschen Whiskybrenner aufzusuchen. Die Spreewood Distillers mit ihrem Stork Club Whiskey überzeugten tatsächlich mit einem schönen Rye Whiskey. Wir hatten schon den Single Malt probiert, der jedoch war weniger überzeugend (Rezension folgt). Umso erfreulicher war zu hören, dass Stork jetzt verstärkt auf den Rye setzen wird. Das scheint uns ein guter Schritt zu sein, auch um dem deutschen Whisky einen stärkeren Wiedererkennungswert zu geben. Roggenbasierter Whiskey macht zudem aus historischer Sicht Sinn, da der bekannte US Rye Whiskey nicht zuletzt durch deutsche Auswanderer popularisiert wurde.

Karen und der Stork Club Whisky

Stork steht damit nicht allein. Das Freimeisterkollektiv bietet ebenfalls einen Rye Whiskey an und der ist gut. So gut, dass ich mir eine Flasche mitgenommen habe. Mag sein, dass er mir bei einem ruhigen Tasting weniger schmeckt, doch allein das Design der Flasche ist brillant – zumal es die allseits zugängliche und damit günstige 0,5L-Flasche als Basis nutzt.

Whisky international. Von Helsinki über Glasgow nach Chicago

Eine der interessanteren Entdeckungen war finnischer Whisky von der Helsinki Distilling Company. Und erneut begegnet uns Roggen, erneut ist es eine überzeugende Abfüllung: würzig und süß zugleich, noch etwas jung, aber auch etwas anders. Definitiv ein bemerkenswerter Whisky und allein mein begrenztes Budget verhinderte, dass ich mir eine Flasche mitnahm. Da die Brennerei weitere Abfüllungen plant, wird sicher die ein oder andere Flasche doch noch in meiner Bar landen.

Kai mit Mikko Mykkänen von der Helsinki Distilling Company

Bei den Barrel Brothers wurde es dann wieder Schottisch. Wir genossen einen wunderbaren Blended Malt aus Schottland, der im Rahmen des Festivals vermutlich als Exot gelten müsste, so klassisch rund schmeckte er. Gerade wer sich vor Blends fürchtet, weil er noch mit Schaudern an Queen Margot oder ähnliches denkt, kann hier beruhigt zugreifen, da ausschließlich Malt Whisky verarbeitet ist.

Der ganz zauberhafte Standbetreiber (O-Ton Karen) Hans von den Barrel Brothers

Nachdem wir damit dem wilden Bergvolk der Schotten die Aufwartung gemacht hatten, ging es weiter zu einem anderen wilden Bergvolk: den Schweizern. Neben einem relativ konventionellen Sherryfass-gereiften Whisky gab es auch einen Swiss Single Chestnut. Diese aus Kastanien gebrannte Spirituose reifte in Eichen- und Kastanienfässern und erlangte dadurch ein Geschmacksprofil, das dem Whisky erstaunlich nahe kommt. Früher lief er scheinbar auch unter dem Namen Alpwhisk, um diese Nähe auszudrücken. Zwar ließ sich die Jugend nicht verbergen, doch eine deutliche Kastaniennote tröstete darüber leicht hinweg.

Elegant gekleidet wurden Schweizer Köstlichkeiten präsentiert …

In Sachen Whisky dürfen die Amerikaner nicht fehlen und vertreten waren die FEW Spirits aus Evanston, Illinois, im Norden von Chicago. Ihr Bourbon ist einfach toll und erfüllt alles, was der Bourbon-Fan möchte. Allerdings fehlt ihm das gewisse Etwas. Das ist kein substantieller Kritikpunkt angesichts der Qualität des Whiskeys, es fällt nur bei einer Veranstaltung wie dieser umso mehr auf. Dafür allerdings hatten sie überaus interessante Gins, nicht zuletzt einen, der kurz in Bourbon-Fässern gereift wurde. Der hatte definitiv das gewisse Etwas.

Überhaupt hatten all diese Hersteller auch jenseits des Whiskys faszinierende Angebote. Ein finnischer Aquavit, Tequila, Mezcal – letzterer scheint die neue Trendspirituose zu sein.

Jenseits vom Whisky

Der große Gin-Boom ebbt wohl etwas ab, gleichwohl eine ganze Reihe von Ausstellern Gin in allen Farben und Formen präsentierten. Und das darf ruhig wörtlich genommen werden. Es war alles vertreten: von pinkem Gin, den wir bei Ginsanity genossen, zum Gin von Gintuning, der die Farbe wechselt, wenn er mit Tonic in Berührung kommt. Selbst ein aus Tee gewonnener Gin war bei den Herren von The Earl Spirit zu finden und schmeckte sogar mir.

Dagmar und Michael von Ginsanity
Die Herren von Gintuning

Der neue Trend heißt anscheinend Mezcal. Aus dem Fruchtfleisch der Agave gewonnen und meist mit 40% abgefüllt, ist dieses mexikanische Erzeugnis tatsächlich etwas neues und frisches auf dem europäischen Markt. Natürlich war Mezcal schon länger hier erhältlich, aber erst jetzt scheint sich eine Breitenwirkung einzustellen. Karen und ich verstehen die Faszination, aber zu einem Kauf konnte sich dennoch keiner von uns durchringen.

Am Spannendsten für uns war vielleicht die Erkenntnis, wie gehaltvoll klassische Obstbrände sein können. Ein Johannesbeerbrand der ungarischen Brennerei Zugfözde hat es mir so sehr angetan, dass er in meinem Rucksack landete. (Ich habe ihn freilich vorher gekauft). Beindruckend war neben der Sanftheit des Brandes die geschmackliche Intensität und Fruchtigkeit.

Bei der Sächsischen Spirituosenmanufaktur gab es ähnlich gute Brände, doch auch etwas sehr außergewöhnliches: ein Brotbrand. Wir kannten dies jedenfalls noch nicht und er mundete uns sehr. Unglücklicherweise war uns das Bargeld ausgegangen und Kartenzahlung war, wie bei vielen anderen auch, leider nicht möglich. Das hat uns doch ein wenig leidgetan …

Zuletzt ging es nach Japan mit Ginza Berlin. Wir hatten eine sehr nette, lange Unterhaltung mit den Inhabern über die in Japan üblichen Spirituosen. Leider gehören die von ihnen vertriebenen Whiskys zu sehr großen Unternehmen und sind daher auf dem Festival ungern gesehen. Dafür tranken wir Shochu, den traditionellen Branntwein Japans. Hier war die Bandbreite spannend, da einige fast ein wenig an Whisky erinnerten. Japanischer Vodka und Kaffeelikör hinterließen ebenfalls einen positiven Eindruck, vor allem miteinander gemischt. Nach diesen Erfahrungen wundert mich gar nicht mehr, dass Japan auch hervorragenden Whisky produziert. In diesem Land gibt es viele exzellente Brenner, so scheint es.

Ginza Berlin – super nette Betreiber, tolles Spirituosenangebot und japanischer Schnickschnack – We’re in love.

Fazit

Kurz: wer auch nur etwas für Spirituosen übrig hat und in Berlin ist, sollte dieses regelmäßig stattfindende Festival besuchen. Die Vielfalt des Angebotes und die dazugehörige Qualität lassen nichts zu wünschen übrig. Mängel müssten mit der Lupe gesucht werden und hingen primär an externen Faktoren. Sommer im Freien wäre halt schöner gewesen, als die Räumlichkeiten eines Clubs. Aber ehrlich, das sind Marginalien. Das Festival lohnt sich in jedem Fall.

No Comments

Leave a Comment