Crown Royal Northern Harvest Rye

Der beste Whisky des Jahres 2016? Kontroversen in der Whisky-Welt

Crown Royal, Jim Murray und das Skandalon von 2016

Crown Royal gehört zu den bekannteren kanadischen Whiskys hierzulande. Auffällig sind nicht zuletzt die dank eines kleinen Samtbeutels durchaus edel designten Flaschen und Verpackungen. Tatsächlich findet sich aber für fast jede Käuferschicht eine Crown Royal-Variante. Sehr früh hat man in Kanada die Zeichen in den USA verstanden und einen dezidierten Rye Whisky ins Programm genommen, rechtzeitig zum Beginn der Rye-Renaissance. Allerdings gehörte Roggen immer schon zur kanadischen Whisky-DNS, insofern ist vielleicht eher erstaunlich, warum sich Crown Royal damit so lange Zeit gelassen hat.

Wer über den Northern Harvest Rye spricht, stellt aber eine ganz andere Frage: das ist wirklich der beste Whisky des Jahres 2016? Das jedenfalls behauptete Jim Murray in seiner einflussreichen Whisky Bible. Schon im Vorjahr hatte er mit seinem Urteil über den Yamazaki Sherry Cask eine Preisexplosion japanischen Whiskys provoziert, von der dieser sich bis heute nicht erholt hat. 2016 jedoch toppte er auch dies. Während der Yamazaki Sherry Cask ohnehin schon eine echt teure, streng limitierte Abfüllung war, bespielt der Northern Harvest Rye als Massenprodukt das mittlere Preissegment – und auch da deutlich das untere Ende.

Ein – böse gesagt – Supermarktwhisky mit Schraubverschluss hatte alle anderen hinter sich gelassen. Die Händler zögerten nicht lang und schraubten den Preis in absurde Höhen; das Fünffache der UVP war in Deutschland keine Seltenheit.  Der eigentliche Skandal lag aber darin, dass Murray wieder einmal die schottische Whiskywelt düpiert hatte. Schnell kam Kritik auf, Murray verfolge eine anti-Scotch-Agenda, hatte er doch mehrfach nicht-schottischen Whisky höhergewertet. Mit dem Northern Harvest Rye war definitiv eine weitere Eskalationsstufe erreicht.

Schnell setzte auch Enttäuschung ein. Kaum ein Rezensent, der anlässlich der Whisky Bible-Platzierung einen Northern Harvest Rye probierte, konnte sich Murrays Lob anschließen. Ein guter Whisky sei es, ohne Frage, doch weit weg von der Spitze. Dies unterfütterte scheinbar die Vorwürfe, Murray habe nur aus Abneigung gegenüber den schottischen Brennereien so geurteilt, mehr noch: jetzt gehe er direkt zum Trolling über.

Von Kanada nach Berlin-Mitte

Unspektakuläre Wahrheiten: Batches, Winterroggen und mehr

Die Wahrheit ist wohl weniger spektakulär, gleichwohl aber nicht untypisch für die Whiskywelt. Statt Verschwörungstheorien liegt näher, dass Murray ein handverlesenes Batch erhalten hatte. Der Northern Harvest Rye wird in unzähligen Batches abgefüllt. Das sind Produktionschargen, die aus einer begrenzten Anzahl von Fässern regelmäßig neu aufgelegt werden, und die sich folglich stark voneinander unterscheiden können. Je größer diese Auflagenzahl und die Zahl der Fässer, desto größer sind die Schwankungen im Geschmack. Und da der fragliche Kanadier mit einem Schraubverschluss aus einer der größten Brennereien der Welt kommt, kann man sich die Dimension seiner Produktionschargen vorstellen.

Ebenfalls für ein Massenprodukt spricht die Zurückhaltung in der Informationspolitik Crown Royals. Welche Fasstypen beispielsweise verwendet wurden, bleibt ein Geheimnis – könnte sich auch von Batch zu Batch ändern… Die einzige Angabe ist, dass es sich um 90% Winterroggen in der Maische handelt, d.h. Roggen, der den Winter übersteht und dank längerer Vegetationszeit höhrere Erträge bringt. Das ist weniger aufregend als es scheinen mag, denn fast alle Rye Whiskys werden aus Winterroggen destilliert. Es ist die in Europa und Nordamerika vorherrschende Roggenart.

Im Grunde ist es also ein recht gewöhnlicher Whisky, wenn auch durchaus im Premiumsegment angesiedelt, da er mit 45% doch deutlich über dem Supermarktstandard liegt. Daher erwarte ich einen soliden Rye; Weltspitze zu erwarten hingegen wäre ob der Eckdaten vermessen.

Nase

Am Anfang ist es in der Tat der Alkohol, der auffällt. …mehr als er sollte. Das ist jedoch nicht unangenehm. Vom Roggen ist zunächst erstaunlich wenig zu vernehmen, stattdessen dominieren zunächst Vanille und frische, grüne Äpfel. Erst mit der Zeit kommt die typische Roggenwürze durch, Muskat und Nelke, dann aber kräftig.

Leider fällt ein Element unangenehm auf, das einige Crown Royals haben: Nagellackentferner. Der ähnelt der berühmt-berüchtigten Aceton-Klebstoffnote, wirkt aber sehr parfümiert – wie Nagellackentferner, der gut riechen soll. Zum Glück findet sich das nur hintergründig.

Geschmack

Hier kommt der Roggen! Das ist Würze, Kraft und Schärfe, wie ein guter Rye Whisky sie haben sollte. Die süßlichen Aromen finden sich auch auf der Zunge wieder, besonders Vanille und Apfel, diesmal gebacken. Die Würzpalette ist breit: wieder Muskat und Nelke, dazu Zimt und starker Pfeffer. Das könnte zum Teil von der Eiche kommen (wenn nur etwas über die Fässer bekannt wäre…). Faszinierend ist aber, dass diese Schärfe nicht unangenehm sticht. Auf die Gefahr eines Paradoxons: der Northern Harvest Rye ist weich und scharf zugleich…

Abgang

Weich und mild, wie für Crown Royal typisch. Nach der Würzparade im Mundraum überrascht der Whisky ein weiteres Mal mit Zurückhaltung.

1L für 35€ – ein guter Preis

Fazit: Nicht der beste, aber ein soldier Rye. Oder: Murrays Spiel

Nach der bislang wohl längsten Besprechung eines Whiskys auf dieser Website steht ein bezeichnend biederes Fazit. Der Northern Harvest Rye ist ein solider Roggenwhisky, ja vielleicht sogar ein guter. Zumindest das uns vorliegende Batch kann im Mundraum und im Rachen voll überzeugen, verliert nur ein wenig in der Nase. Für unter 40€ pro Liter dürfen Rye Whisky-Fans einen Kauf wagen und werden ihn wohl nicht bereuen. Für mehr als 40€ sollte man schon Crown Royal und Rye Whisky sehr mögen. Die lächerlichen Preise, die 2016 dafür verlangt wurden, müssen zur Enttäuschung führen.

Das Interessanteste an dem Whisky ist daher die Kontroverse, die Jim Murray mit einiger Sicherheit absichtlich provoziert hat. Es wirkt fast so, als habe er testen wollen, wie weit der Einfluss seiner Bücher auf den Whiskymarkt reicht. Dass er ungewöhnliche Abfüllungen prämiert, ist wahrlich nichts neues, ebenso wenig dass die Preise jeder Abfüllungen steigen. Zum Spiel gehört auch, dass sich Whiskyfans, Journalisten und Blogger über Murray eschauffieren, der mit seiner ungewöhnlichen Wahl nur Schlagzeilen generieren wolle. Aber einen Whisky, der in solchen Mengen hergestellt wird, zum Besten zu küren, zieht mehr als diese übliche Kontroverse nach sich. Murray muss gewusst haben, dass nur wenige andere Rezensenten dasselbe Batch und damit dieselbe Qualität ins Glas bekommen würden. Und während sein Urteil über den Yamazaki Sherry Cask nachvollziehbar erschien, konnte 2016 kaum jemand seinem Urteil folgen. Das ist jedoch nur die logische Steigerungsstufe. Murray musste im Gespräch bleiben. Hätte er die Nummer 2 seiner Liste, den Pikevilles Straight Rye, an die Spitze gesetzt, hätte dies für deutlich weniger Gesprächsbedarf gesorgt – denn dies ist ein top Rye Whiskey. In gewisser Weise könnte vielleicht sogar die jüngste Kontroverse um den Sexismus in seinen Büchern Teil seiner Selbstvermarktungsstrategie sein, doch diese Diskussion wollen wir hier nicht führen.

Daher bleibt uns als Fazit: nein, der beste Whisky ist der Northern Harvest Rye sicher nicht. Aber seinen Preis ist der Whisky alle mal wert.

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