Wehrmacht und Whisky

Ein vergessener Aspekt der Geschichte des Whiskys

Wehrmacht und Whisky? Warum die Frage?

Whisky hat heute einen festen Platz in Deutschland und ist bei Genießern wie Gelegenheitstrinkern äußerst beliebt. Das war nicht immer so. Erst nach dem 2. Weltkrieg setzte sich Whisky hierzulande durch. Die Erklärung dafür wird üblicherweise bei den amerikanischen und britischen Truppen gesucht, die erst als Besatzer und dann als Verbündete in West-Deutschland stationiert waren. Sie haben den Whisky mitgebracht und weil die anglo-amerikanische Kultur so einflussreich war, wurde auch der Whisky immer beliebter bei den Einheimischen.

Das dürfte in der Tat der Hauptgrund für die Verbreitung des Whiskys hierzulande sein. Es ist allerdings nicht der einzige Grund. Die EWG bzw. die EU erleichterten die Einfuhr von iro-schottischem Whisky und in der zunehmend globalisierten Welt war das auch für Bourbon bald kein Problem mehr. Der aufkommende Massentourismus führte die West-Deutschen oft nach Großbritannien, wo sie ohne weiteres guten Whisky konsumieren konnten. Und so weiter.

Ein Grund ist bislang wenig bis gar nicht beachtet worden: die Erfahrungen der Offiziere der deutschen Wehrmacht im Krieg. Diese haben erheblich dazu beigetragen, dass Whisky in Deutschland akzeptiert wurde.

Cognac statt Whisky. Ein Prolog

Die oft aus gehobenem Bürgertum und Adel hervorgehenden Offiziere der Wehrmacht bevorzugten vor allem eine Spirituose: den Cognac. Mit den Bestimmungen des Versailler Vertrages wurde der Name geschützt und darf seitdem nur noch für fassgelagerten Weinbrand aus der Region Cognac verwendet werden.

Exklusivität, edle Herkunft und weicher Geschmack sagten so manchem Offizier wohl in mehrerer Hinsicht zu. Der überaus fähige, aber auch sehr eitle General Hermann-Bernhard Ramcke etwa legte sich eine große Sammlung an. Als sein Bunker 1944 sich als letzter im belagerten Brest ergab, fanden die Alliierten dort „a large quantity of French brandy and liqueurs, also a complete dinner service“ (CSDIC).

Kapitän zur See Hans Langsdorff

Einer der wenigen Offiziere, der bereits vor dem Krieg Whisky mochte, war Kapitän Hans Langsdorff. Der Kommandant des Panzerschiffes Admiral Graf Spee bot dem Kapitän der von ihm aufgebrachten Africa Shell, Patrick Dove, Scotch Whisky an. Er soll gesagt haben: „I must have Scotch. I don’t mind admitting it, even though it does come from Britain“. Hier schimmert durch, dass Whisky in Deutschland ob seiner Herkunft keinen allzu guten Ruf besaß und von einem Kapitän wie Langsdorff offenbar ein anderer Geschmack erwartet wurde – wurde doch Winston Churchill in der Propaganda regelmäßig als Whisky-Säufer verunglimpft.

Whisky als Beutegut

Deutsche Offiziere kamen grundsätzlich auf zwei Wegen mit Whisky in Kontakt. Einer davon war Beute. Bekannt ist der „Rommel-Schnaps“: Als das Deutsche Afrikakorps unter Erwin Rommel am 20. Juni 1942 Tobruk eroberte, wurden auch 1,9 Millionen Liter verschiedener Spirituosen erbeutet. Schottischer Whisky, Jamaica Rum, Cognac und Gin, offenbar in Eichenfässern gelagert, waren nun in der Hand des Wüstenfuchs‘. Auf abenteuerlichen Wegen fanden sie ihren Weg nach Europa, zurück in alliierten Besitz und schließlich in Privatbesitz. Noch heute werden manchmal Flaschen dieses Schatzes versteigert.

Generalleutnant Erwin Rommel, Kommandeur des Deutschen Afrikakorps (li.)

Es ist anzunehmen, dass Rommel und seine Offiziere am Whisky weniger Interesse gehabt haben werden, sondern sich den Cognac sicherten. Aber auch das ein oder andere Glas Whisky hat die Kehlen befeuchtet. Oberst Hans-Joachim Schraepler vermerkt, dass Rommel in Nordafrika zum ersten Mal mit Whisky in Berührung gekommen ist. So soll er anlässlich seiner Ernennung zum Generalfeldmarschall einen Whisky genossen haben. Vielleicht ist er auf den Geschmack gekommen.

Die Gelegenheit, Whisky zu erbeuten, ergab sich nach 1942 allerdings seltener. Ab 1943 drängten die Alliierten die Wehrmacht erst im Mittelmeerraum nach Norden ab, ab 1944 dann befand sich die Wehrmacht in beinahe ständigen Ruckzugskämpfen. Die große Zeit der Beute war vorbei. Doch es gab noch einen anderen Weg, Whisky kennenzulernen.

Whisky im Luxus-Gefangenenlager

Ab 1943 gerieten immer mehr Offiziere in Kriegsgefangenschaft. Und je höher der Dienstgrad bzw. die Bekanntheit, desto bequemer gestaltete sich die Zeit als Gefangener der Alliierten – jedenfalls im Westen. Natürlich wurden sie nicht aus reinem Altruismus so gut behandelt. Gefangene Generale wurden nach Trent Park verlegt, nahe London, und dort systematisch abgehört.

(vgl. dazu Sönke Neitzel, Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945, Berlin 2005; Sönke Neitzel/ Harald Welzer, Soldaten: On Fighting, Killing, and Dying. The Secret WWII Transcripts of German POWS, New York 2011).

Um ihre Zungen zu lockern, bekamen sie großzügige Rationen von Whisky zugeteilt. Bei speziellen Anlässen stand ebenfalls Whisky bereit. Als sich der Jahrestag der Ankunft Generals Ludwig Crüwell in Trent Park näherte, dürften er und der lagerälteste General Hans-Jürgen von Arnim sich bei den Whisky-Vorräten britischer Offiziere bedienen. Oberst Friedrich August von der Heydte wurde von seinen Wachen mehrfach zum Whisky eingeladen; mit Sergeant Major White leerte er gleich eine ganze Flasche, auch ein irischer Captain teilte mit ihm eine Flasche.

Ein paar der Prominenten von Trent Park: (hintere Reihe) General der Infanterie Dietrich von Choltitz, Oberst Gerhard Wilck, General der Fallschirmtruppe Hermann-Bernhard Ramcke, Generalmajor Kurt Eberding, Oberst Eberhard Wildermuth; (vordere Reihe) Generalleutnant Rüdiger von Heyking, Generalleutnant Karl-Wilhelm von Schlieben; Generalleutnant Wilhelm Daser

Tatsächlich war die allgemeine Situation dermaßen gut, dass die Gefangenen bald Forderungen nach mehr Whisky stellten. Es spricht Bände über das Selbstverständnis der Offiziere, dass sie diese hervorgehobene Behandlung nicht nur erwarteten, sondern einforderten. Einer wollte gar zur Fasanenjagd Ausgang erhalten, während die Rückzugsschlachten der Wehrmacht immer verzweifelter wurden – und grausamer. Im Fall der Adligen kommt sicher hinzu, dass nicht wenige mit dem britischen Adel direkt verwandt waren und sich als Gleiche unter Gleichen wähnten. Die Briten ihrerseits erkannten, wie wirksam der Whisky dabei war, die Generale untereinander zum Reden zu bringen. Crüwell verriet zum Beispiel, dass die Wehrmacht an ballistischen Artillerieraketen arbeitete.

Die in Trent Park versammelten Generale und Stabsoffiziere stellten nicht nur die Elite der Wehrmacht dar, sondern waren ob ihres Reichtums und ihrer Vernetzung auch gesellschaftlich einflussreich. Von der Heydte, um nur einen zu nennen, machte in der BRD Karriere: er wurde ordentlicher Professor für Öffentliches Recht, Reservegeneral der Bundeswehr und Abgeordneter im bayerischen Landtag. Dass solche Leute den Whisky kennen und schätzen lernten, kann nicht ohne Folgen geblieben sein.

Kapitulation vor dem Whisky

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. All ihre Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. Der nächste Konflikt bahnte sich bereits an, die Konfrontation der verbliebenen Supermächte, der freiheitlich-demokratischen USA im Westen und der kommunistischen Diktatur UdSSR im Osten.

Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt im Gespräch mit Major-General Frank W. Milburn

Die deutschen Offiziere mit ihrer Erfahrung wurden zu wichtigen Informationsquellen, erst für die Historiker, dann für die Geheimdienstler, die an Einschätzungen über den zukünftigen Feind interessiert waren. Erneut tritt Whisky als Überzeugungshilfe auf. Feldmarschall von Rundstedt, einer der meistrespektierten Strategen des Krieges, bekam daher viele Besuche von englischen Offizieren und Historikern, viele Flaschen Whisky wurden geöffnet. Interessanterweise nutzte auch der alte Feldmarschall Whisky einmal, um selbst an Informationen zu gelangen. Er nahm sich ein paar Gläser Whisky und ging zum Kommandanten seines Gefangenenlagers, um zu fragen, warum die Beerdigung eines eines kürzlich verstorbenen Freundes so schlicht gewesen sei. Dieser sei schließlich auch ein Feldmarschall gewesen, dem große Ehren zustanden. Der Whisky begleitete das schwere Gespräch: der englische Kommandant nämlich erwiderte, ob Rundstedt klar sei, welchen Horror die Wehrmacht über Europa gebracht hatte, ob er von den Konzentrationslagern wusste. Große Ehren brauchten weder er, noch seine Freunde erwarten.

Anderswo mussten weniger prominente Landser sich ihren Whisky selbst beschaffen, der angesichts der hervorragenden alliierten Nachschublinien aber durchaus aufzutreiben war. Whisky folgte den britischen und amerikanischen Truppen. Er sollte in Deutschland bleiben. Die Besiegten übernahmen ihn gern.

Die Wehrmacht als Wegbereiter des Whiskys in Deutschland

Wie in der Einleitung konstatiert, gab es viele Gründe für die Etablierung des Whiskys in Deutschland. Einer dieser Gründe aber wurde übersehen: die Offiziere der Wehrmacht. In Positionen von Macht und Einfluss, mit oder ohne Uniform, imponierte ihnen die anglo-amerikanische Kultur. Noch während des Krieges lernten sie den Whisky zu schätzen, nicht zuletzt als Teil dieser siegreichen Kultur.

Gerade diese Leute aus dem gehobenen Bürgertum und dem Adel, diese Repräsentanten des alten Deutschlands und seiner preußisch-militaristischen Vergangenheit nahmen bereitwillig die Spirituose ihrer einstigen Rivalen an. Egal, ob sie Whisky durch Beute oder in der Gefangenschaft kennenlernten, der Cognac war bald vergessen. War er noch wenige Jahre zuvor die Spirituose der Wahl gewesen, wurde er schnell durch Whisky ersetzt. In gewisser Weise entspricht dies dem nationalsozialistischen Ideal des Sozialdarwinismus: die alte Welt, Frankreich und Deutschland gleichermaßen, waren besiegt; der Weinbrand gehörte zu den Besiegten. Whisky dagegen war das Symbol der neuen, siegreichen Weltmacht im Westen. So gesehen verhielten sich die Offiziere der Wehrmacht bemerkenswert konsequent, wenn sie sich ihm zuwandten.

Sie und ihr Einfluss sind ein Nukleus der Verbreitung des Whiskys in Deutschland. Natürlich lässt dies die west-deutschen Jugendlichen und ihren Whisky-Konsum wesentlich weniger rebellisch erscheinen, als so mancher zu glauben beliebt. Aber so ist es in Deutschland: was ach-so-rebellisch tut, hat seine Wurzeln oft tief im Establishment.

2 Comments

  • whisky_wolle 30. Juli 2020 at 2:42 Reply

    Ein sehr interessanter Beitrag zum Thema „Whisky in Deutschland“. Die vielen Einflussfaktoren , wie sich Whisky in Deutschland etabliert hat, waren mir nicht bewusst. Vielen Dank für die Zusammenstellung und Recherche.

    • Kai Grundmann 31. Juli 2020 at 22:35 Reply

      Danke Dir vielmals!

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