Michter’s Single Barrel Rye

Klassischer Rye Whiskey?

Michter’s. Eine lange Geschichte

Die Geschichte von Michter’s ist ein Paradebeispiel für das Geschichtsbewusstsein amerikanischer Whiskeybrenner, denn sie ist verworren, voller Umbrüche und doch unverzichtbar.

Sie beginnt mit den schweizer Emigranten Johannes und Michael Schenk, die schon 1753 auf ihrer Farm in Pennsylvania Roggen zu Whiskey machten, um ihre Profite zu steigern. Abraham Bomberger, ein deutscher Emigrant, kaufte die Brennerei im Jahr 1861, allerdings mussten Horst und Samuel Bomberger sie mit Beginn der Prohibition 1919 schließen. Nach mehreren Eigentümerwechseln schuf Lou Forman die Marke Michter’s – das Kompositum aus den Namen seiner Söhne Michael und Peter sollte „dutchy“ klingen, daher ist eine deutsche Aussprache angemessen – doch auch ihm war kein Erfolg gegönnt. Erst in den 90ern gelang es, Michter’s groß zu machen.

Inzwischen operiert das Unternehmen von Kentucky aus, hat dort in Louisville eine Brennerei in Betrieb. Kontinuität zum alten Pennsylvania Whiskey ergibt sich primär durch Markenrechte, zumal Anekdoten über George Washingtons Genuss des Shenk Whiskeys im Revolutionskrieg gelinde gesagt fragwürdig sind. Trotzdem will niemand darauf verzichten. Die Jahreszahl 1753 steht selbstverständlich auf den Flaschen und man will sich an „pre-revolutionary war quality standards“ halten. Diese Art von Geschichtsbewusstsein ist es, was den Whiskeygenuss so spannend macht. Jedes Glas hat seine Geschichte – ganz gleich, ob sie einer historisch-kritischen Überprüfung standhält.

Zu alledem steht außer Frage, dass Michter’s wahrlich hochwertigen Whiskey verkauft. Besonders das Fassmanagement mitsamt thermischer Behandlung vor dem Ausbrennen und kontrollierten Temperaturschwankungen im Lagerhaus überzeugt. Michter’s Whiskey ist recht teuer, selbst die Einstiegsabfüllungen liegen im Premium-Segment für American Whiskey. Allerdings wissen die Kunden hier, wofür sie bezahlen.

Michter’s bietet viele spannende Abfüllungen an und heute widmen wir uns einem Klassiker – vielleicht dem Klassiker schlechthin: Rye Whiskey. Alles hat mit Shenk’s Rye begonnen, da liegt die Latte hoch.

Ein Yankee in Berlin

Michter’s Single Barrel Kentucky Straight Rye

Single Barrels sind in den USA schon lange ein Qualitätsmerkmal. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Abfüllungen sind gewünscht und zeigen den Einfluss individueller Fässer. Da hier klassisch ausgebrannte Fässer verwendet wurden, liegt die eigentlich spannende Frage in der Mash Bill – also dem Mischungsverhältnis der verwendeten Getreidesorten.

Gerade die jedoch bleibt ein Geheimnis. Gesetzlich vorgeschrieben sind mindestens 51% Roggen; üblich sind zudem ein Anteil Mais und oft ein kleiner Anteil Gerste. Gerade der Mais mit seiner Süße ist ein leicht erkennbares Element amerikanischer Rye Whiskeys. Dies soll vermutlich Bourbon-gewohnten Kunden einen Anknüpfungspunkt liefern. Der Mais kann aber mitunter so markant werden, dass mancher Rye Whiskey eher wie ein High-Rye Bourbon wirkt, also ein Bourbon mit hohem Anteil Roggen als sekundäres Getreide in der Mash Bill.

Der Alkoholgehalt wirkt mit 42,4% ABV recht zahm. Für einen amerikanischen Single Barrel Whiskey im Premiumpreissegment ist es jedenfalls nicht viel. Hier stellt sich erneut die Frage, ob dies der Ausdifferenzierung der würzigen Roggenaromen hilft, wie gelegentlich argumentiert wird.

Nase

Tatsächlich steigt die bekannte Maissüße als erstes in die Nase. So ganz niedrig wird der Maisanteil also nicht sein. Vanille und Werther‘s Echte gehen aber zusammen mit Zitronengras und Heu, Eichenwürze und Schwarzbrot. Insgesamt ist die Nase sehr delikat und zurückhaltend.

Geschmack

Auch hier sind Vanille und Karamell zunächst tonangebend, doch bleibt der Whiskey erstaunlich trocken. Die Gewürzpalette erweitert sich außerdem; Pfeffer, Nelke, Zimt und Kardamom sorgen für angenehm milde, aber immer dominantere Schärfe.

Der recht niedrige Alkoholgehalt erlaubt vielleicht wirklich, dass diese Würze ihre Facetten ausspielen kann, ohne zu brennen. Orangenschale rundet das Geschmackserlebnis ab.

Abgang

Der Abgang ist mild-würzig und entspricht weitgehend den Erwartungen, die der Whiskey auf der Zunge geweckt hat.

Fazit: milde, aber komplexe Würze

Manchmal meine ich, halb im Scherz, dass Michter’s für Maltheads ein hervorragender Einstieg in die Welt des amerikanischen Whiskeys ist. Nicht einmal der Rye macht dabei eine Ausnahme. Neben der Komplexität beeindruckt vor allem die Zurückhaltung, mit der die Aromen transportiert werden. Diese gezügelte Komplexität heißt Scotch-Fans geradezu willkommen.

Obwohl ich mir eigentlich eine größere Alkoholstärke wünsche, funktioniert die Idee hinter dem Michter’s Rye Single Barrel blendend. Es ist ein graziler Rye Whiskey, der eine selten gewürdigte Seite des amerikanischen Roggenwhiskys zeigt.

Wir danken Michter’s und Brand Ambassador* Sandra Winters für die freundliche, kostenfreie Zusendung dieser Flasche. (Und der des Bourbons…). Das freut uns als Fans des US Whiskeys riesig.

* Ambassadress? Ambassadra? Ambassadrix?

1 Comment

  • Holger 29. März 2021 at 14:11 Reply

    Schöner Artikel, bin gespannt, ob noch mehr Michter’s kommt. Wenn schon weibliche Form, dann “Markenbotschafterin”… haha! 😉 Hey Ihr beiden, hier der Holger. Long time no hear. Hoffe, Euch geht es im Rahmen der Umstände gut. Gerne würde ich Euch mal wieder sehen, mal kucken, was die kommenden Monate so an hoffentlich positiven Veränderungen bringen. Beim nächsten Treffen gibt’s gerne den Micher’s Rye in Barrel Proof, falls noch nicht bekannt.
    P.S. Kai, kannst du mir noch die deutschen Whiskies sagen ,die du im Sommer mithattest? Den Glina Rye habe ich mir merken können, aber mehr auch nicht. ~ LG Holger

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