Marketing Fail? Johnnie Walker und Loch Lomond in Tim und Struppi

Tim und Struppi (Les Aventures de Tintin) vom belgischen Künstler Hergé ist neben Asterix sicher die bekannteste europäische Comic-Serie. Sie war immer stark vom Zeitgeist geprägt,  sodass ältere Ausgaben heute mitunter befremdlich wirken – man denke nur an die Beschönigung belgischer Kolonialherrschaft (Tim im Kongo).

Vielleicht weniger vom Zeitgeist beeinflusst ist die Entscheidung, Kapitän Archibald Haddock Whisky trinken zu lassen. Als Seemann und älterer Freund Tims liegt das eigentlich fast auf der Hand. Interessant ist jedoch, welchen Whisky er trinkt.

 

aus: Tim und die Picaros (Tintin et les Picaros) 1975; von: Tintin Wiki, s.v. Loch Lomond

 

Kenner der Serie wissen natürlich, dass es sich um den Loch Lomond handelt. Loch Lomond ist eine aktive Brennerei, die jedoch von Tim und Struppi überhaupt nicht gemeint ist. Als der Whisky 1966 in Die Schwarze Insel (L’Île noire) das erste Mal auftauchte, war es eine fiktive Marke, die lediglich nach dem bekannten See im Nordwesten von Glasgow benannt wurde. Zwar war die Loch Lomond-Brennerei zu diesem Zeitpunkt seit kurzem wieder in Betrieb, allerdings mit sehr geringem Ausstoß, sodass Hergé nichts davon wusste.

Ursprünglich war in dem Comic ohnehin ein anderer Whisky zu sehen, einer, den jeder kennt: der Johnnie Walker. Die Schwarze Insel erschien nämlich schon einmal in den Jahren 1937 bzw. 1943 und dort war Johnnie Walker zu sehen. Als der Comic 1966 neu aufgelegt, erstmals ins Englische übertragen und aktualisiert wurde, nahm Loch Lomond seinen Platz ein.

 

Aus: Die Schwarze Insel (L’Île noire) 1943 und 1966; von: Tintin Wiki, s.v. Loch Lomond

 

Warum Loch Lomond statt Johnnie Walker? Hier sind mehrere Erklärungen denkbar. Zum einen könnte eine rein künstlerische Entscheidung vorliegen, um die fiktive Welt um Tim und Struppi herum in sich geschlossen zu präsentieren, wie Thorsten Reimitz argumentiert. Vielleicht sollte auch einfach Werbung vermieden werden. Da mag sicher etwas dran sein, jedoch hatte Hergé keine solchen Hemmungen, wenn es um andere Marken ging. So fährt der Bösewicht Dr. Müller eindeutig einen Jaguar Mark X, während Tim mit einem Ford Zephyr-Taxi reist.

 

aus: Die Schwarze Insel (L’Île noire) 1966; von: The Transport Journal, 15.08.2015

 

Es könnte also mehr hinter der Entscheidung stecken, keine echte Whisky-Marke zu verwenden. Hergé könnte einen Rechtsstreit mit Johnnie Walker vermieden haben wollen. Da stellt sich nur erneut die Frage, warum er dies überhaupt fürchtete. Immerhin reden wir von einem traumhaften Product Placement, so prominent wie der Whisky in Tim und Struppi ist. Allenfalls der starke Alkoholismus mancher Protagonisten, v.a. der von Haddock, fällt eventuell negativ auf. Aber auch hier ist an den Zeitgeist zu denken, denn die Alkoholabhängigkeit wurde noch als Running Gag präsentiert, außerdem hat die echte Loch Lomond-Brennerei keine Berührungsängste dieser Art.

Vielleicht war diese Art des Product Placement schlicht und ergreifend noch keine allgemein gängige Marketing-Strategie. Die Werbung hatte noch andere Formen, zumal wir auch über relativ junge Medien reden. Und v.a. das integrierte Product Placement in Erzählungen scheint sogar vermieden worden zu sein. Die fast zeitgleiche Science Fiction-Serie Raumschiff Enterprise (Star Trek) zeigte genauso nur fiktive Marken, die ebenfalls in rauen Mengen genossen wurden.

 

Heute freut sich Loch Lomond über die Werbung und hat seine Produktlinie zumindest teilweise auf Whisky-Einsteiger und Gelegenheitsgenießer ausgerichtet.

 

Heute freut sich Loch Lomond über die Werbung und hat seine Produktlinie zumindest teilweise auf Whisky-Einsteiger und Gelegenheitsgenießer ausgerichtet, auch wenn die jüngste Umgestaltung des Flaschendesigns auf einen höherwertigen Look abzielt. Nur ein Wort zum Whisky selbst: die unter dem Namen Loch Lomond laufenden Flaschen sind allesamt preiswerte, solide, aber unspektakuläre Abfüllungen. (Deutlich besser sind die Inchmurrin- und Inchmoan-Serie!)

Wer also ein Fan von Tim und Struppi ist und einmal wissen möchte, was seine Helden dort eigentlich trinken, darf ohne Zögern zugreifen. Der Loch Lomond Original Single Malt zum Beispiel ist für ca. 20-25 Euro zu haben. Bei dem Preis kann man nicht so viel falsch machen.

 

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