Zosimos und die Macht der Bilder
Abbildungen früher Destillationsapparate bei Zosimos von Panopolis und kodikologische Schwierigkeiten
Zosimos, Maria Prophetissa und der Blick auf die spätantike Destillation
Allzu selten blicken Whiskyfans auf die Spätantike. Gelegentlich locken Stories um St. Patrick, der auf Reisen die Kunst der Destillation erlernt haben soll. In den 1970ern erfand ein findiger Waliser einen spätrömischen Dux, unter dem in Wales schon tausend Jahre vor den Schotten Whisky gebrannt worden sei. Auch in Deutschland knüpfte mit St. Kilian ein Unternehmen eines ebenso findigen Deutschen an spätantike Wurzeln an. Nun ist dies alles weitgehend ahistorisch. Whisky, also aus Getreide gebranntes Destillat, tritt uns im 15. Jahrhundert weltgeschichtlich relativ spät entgegen; die inzwischen maßgebliche Fassreifung datiert noch mal ein paar hundert Jahre später.
Was in der Antike jedoch bekannt war, ist das chemische Prinzip der Destillation. Während heutige Leser oft auf die applikatorischen Aspekte in den antiken Texten fokussieren, standen für die Verfasser theoretischer Erkenntnisgewinn und die eigene geistige Bereicherung im Mittelpunkt. Mit Blick auf die Destillation von Trinkalkohol verschärft sich dieser Disconnect noch einmal, gleichzeitig üben diese Schriften eine ungeheure Faszination aus. Sie speist sich zuvorderst aus Illustrationen, wie das Beispiel des römischen Autors Zosimos von Panopolis bezeugt. Wer nach der Frühgeschichte der Destillation googelt, stößt früher oder später auf Zeichnungen aus Zosimos‘ Werk, die verschiedene Destillationsapparate zeigen. Diese Apparate werden darum oft als antik deklariert.
Besonders jene Zeichnungen aus dem Pariser Griechischen Manuskript 2327 (Par. Grec. 2327) in der Bibliothèque Nationale de France finden viel Aufmerksamkeit, u.a. in der Wikipedia. Bisweilen werden weitreichende Thesen an ihnen festgemacht, nicht zuletzt dass die Destillation von Trinkalkohol schon viel früher möglich war als angenommen. Deutlich seltener wird der auf Altgriechisch verfasste Text an sich rezipiert. Eine Gesamtübersetzung liegt auch nur in einem unhandlich-akademischen Französisch vor. Kein Wunder, dass lieber die Bilder diskutiert werden.

Doch einen Schritt zurück. Die Datierung der Brennapparate zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert ist reine Konjektur. Sie basiert einzig auf der Notiz des Zosimos, dass einige seiner Informationen über Brennblasen von der jüdischen Gelehrten Maria (genannt Prophetissa) stammen. Über sie ist jenseits von Zosimos nichts bekannt und spätere Erwähnungen gehen samt und sonders auf die Lektüre Zosimos‘ zurück, sie muss also vor oder zu seiner Zeit gelebt haben.
Zosimos wiederum lässt sich etwas besser einordnen. Er zitiert Julius Africanus, der 240 starb, und besuchte das Serapeion, welches Theodosius 391 zerstörte. Damit haben wir sichere termini post und ante quem. Ließe sich die Diskussion nicht an dieser Stelle beenden? Die Informationen wurden von Zosimos niedergeschrieben, sein Werk entsprechend illustriert. Wir befinden uns im 3. oder 4. Jahrhundert und das ist aufregend genug. Die Zeichnungen sind detailliert und sogar beschriftet. Mit etwas technischem Verständnis erkennen wir die praktische Funktionalität der Apparate: Destillation von Alkohol in der Antike scheint mit ihnen doch möglich gewesen zu sein.
Doch so einfach ist es nicht. Im Gegenteil, die Quellenlage ist vertrackt. Von Zosimos‘ Schrift existieren mehrere Versionen, die an einer für die Destillationstechnik kritischen Stelle abweichende Lesarten bieten. Und die meisten der Zeichnungen entstanden wohl erst im späten 15. Jahrhundert. Um diesem verwirrenden Knäuel von Daten Herr zu werden, bedarf es der Hilfe der Geschichtswissenschaft angrenzender Wissenschaften, v.a. der Kodikologie.
Zosimos und die Handschriften
Kodikologie ist Lehre von den Handschriften. Sie ist für die Geschichtswissenschaft wichtig, da kaum ein antiker Text in seiner ursprünglichen Form auf uns gekommen ist. Die ganz überwiegende Masse wurde spätestens im Laufe des Mittelalters abgeschrieben, mehrfach, und uns so erhalten. Dies ist u.a. eine Frage des Mediums. Kaum ein Papyrus kann hunderte Jahre in einer Bibliothek überstehen, zumal wenn er dauernd benutzt wird. Der große Mediumwechsel auf Pergament und die häufigen Abschriften sicherten das Überleben antiker Texte.
Die alchemistische Natur von Zosimos‘ Text fand im Osten des Römischen Reiches schon immer mehr Anklang als im Westen, daher überrascht wenig, dass alle noch vorhandenen Manuskripte mit Ostrom in Verbindung stehen. Durch venezianische Akquisitionen und griechische Fluchtbewegungen gelangten sie Ende des Mittelalters nach Westen. Das ist ein für viele Handschriften aus Ostrom recht üblicher Vorgang. Trotzdem sind Überlieferung und Rezeption in dem Fall eher merkwürdig.
Die prominente Par. Grec. 2327 ist zwar eine vollständige und gut erhaltende Handschrift, doch als maßgeblich gilt sie ob ihres jungen Alters nicht. Dank eines Vorwortes durch den Schreiber Theodoros Pelekanos von der Insel Korfu wissen wir, dass er das Manuskript am 22. Juni 1478 fertiggestellt hat. Unter Heinrich II. wurde es 1550 nach Paris überführt.
Die Mehrheit der Forscher geht spätestens seit Michèle Mertens‘ grundlegendem Werk zu Zosimos 1995 davon aus, dass Par. Grec. 2327 auf eine wesentlich ältere Handschrift zurückgeht, nämlich auf die des Marcianus Grecus 299 in Venedig. Sie ist die älteste uns erhaltene Abschrift, vermutlich aus dem ausgehenden 10. oder beginnendem 11. Jahrhundert. Merkwürdig ist sie, weil sie eigentlich zweimal denselben Text nacheinander beinhaltet. Dem Kopisten scheint dies nicht aufgefallen zu sein. Ihm lagen vielleicht zwei Versionen des Textes vor, die er in ein Buch schrieb.
Dieses wiederum war nicht nur die Grundlage für die Par. Grec. 2327, sondern wohl auch für die Florentiner Handschrift Laurentianus Grecus 86,16. Das geht aus der großen inhaltlichen und sprachlichen Übereinstimmung hervor, zumal Laur. Grec. 86,16 mit dem Entstehungsdatum von 1492 auch zeitlich nicht weit entfernt ist. Daneben existiert noch ein etwas älteres Pariser Manuskript (Par. Grec. 2325) in schlechterem Erhaltungszustand, dessen Verhältnis zu den anderen schwer zu klären ist. Überhaupt räumt Mertens ein, dass die Handschriften noch detaillierter erforscht werden müssen.
Schwierigkeiten (I). Der Text
Das Wirrwarr der Manuskripte wirkt sich auf die Texte an sich aus. Sie sind je nach Manuskript unterschiedlich umfangreich und unterschiedlich arrangiert. Die älteste Handschrift Marc. Grec. 299 dürfte überdies mehrere Doppelblätter verloren bzw. später falsch eingebunden haben; die Inhaltsangabe am Anfang stimmt jedenfalls nicht mit dem Text überein. In allen vier Manuskripten finden sich darüber hinaus member disecta, verstreute Fragmente anderer Zosimos-Texte. Die Texte haben unzweifelhaft sehr gelitten bei der Überlieferung.
Doch nicht nur die äußere Form birgt Probleme. Wer ein Lehrbuch über antike Naturwissenschaften und ihre Methoden erwartet, inklusive der Destillation, wird zwangsweise enttäuscht. Zosimos‘ Abhandlungen sind geprägt von Allegorien, der Verknüpfung wissenschaftlicher und religiöser Erkenntnis und tiefer Spiritualität. Der berühmte Psychoanalytiker Carl Jung hatte seine helle Freude an den Traumbeschreibungen des Zosimos. Die Beschreibung technischer Gerätschaften fügt sich völlig organisch (und nicht leicht verständlich) in diese Spiritualität ein:
καὶ ὁρῶ ἱερουργόν τινα ἑστῶτα ἔμπροσθεν μοῦ ἐπάνω βωμοῦ φιαλοειδοῦς. ἔνθα δεκαπέντε κλίμακας πρὸς ἀνάβασιν εἶχεν ὁ αὐτὸς βωμός· ἔνθα ὁ ἱερεὺς ἵστατο. καὶ φωνῆς ἄνωθεν ἤκουσα λεγούσης μοι· “πεπλήρωκα τὸ κατιέναι με ταύτας τὰς δεκαπέντε σκοτοφεγγεῖς κλίμακας καὶ ἀνιέναι με τὰς φωτολαμπεῖς κλίμακας. καὶ ἔστι καὶ ὁ ἱερουργῶν καινουργῶν με ἀποβαλλόμενος τὴν τοῦ σώματος παχύτητα· καὶ ἐξ ἀνάγκης ἱερατευόμενος πνεῦμα τελοῦμαι”. καὶ ἀκούσας τῆς φωνῆς αὐτοῦ ἐν τῷ φιαλοβωμῷ ἑστῶτος, ἠρώτουν μαθεῖν παρ᾽ αὐτοῦ τίς ὑπαρχει· ὃ δὲ ἰσχνοφώνως ἀπεκρίνατό μοι λέγων· “ἐγώ εἰμι ὁ Ἰῶν, ὁ ἱερεὺς τῶν ἀδύτων, καὶ βίαν ἀφόρητον ὑπομένω”.
And I see a sacrificing priest in front of me on top of an altar in the shape of a jar. There, the same altar had fifteen stairs going up. There the priest stood. And I heard a voice coming from above saying to me: “I have fulfilled my going down the fifteen darkly-glimmering steps and my going up the steps blazing with light. And the sacrificing priest is creating me anew by throwing away the thickness of the body and, being a priest by necessity, I am finally made spirit.” Having listened to the voice of the one standing in the phial-altar, I begged to learn from him who he was. And he answered with a weak voice, saying: “I am Ion, the priest of the innermost sanctuaries, and I am suffering an unendurable act of violence.”
(Zos. Pan. Mem. 10,2,17-29, übers. Lopes da Silveira)
Ist hier ein chemischer Trennungsprozess beschrieben? Das Fachvokabular, z.B. der Altar in Form von Apparaturen wie die Phiole, die oft für die Brennblase steht, und einige der Vorgänge, z.B. die Trennung von Körper und Geist (Spiritus), sprechen dafür. Andererseits ist der Traum so undeutlich und einfach so bizarr formuliert, dass eine rein chemische Erkenntnis daraus schwer oder gar nicht zu ziehen ist. Glücklicherweise drückt sich Zosimos nicht immer so kryptisch aus. Über die Destillationsapparte von Maria Prophetissa schreibt er:
Ἐξῆς δὲ τὸν τριβικὸν σοι ὑπογράψω· καλεῖται δὲ αὕτη ἡ δι’ ἀσκίου ἢ παρὰ Μαρίας τεχνοπαράδοτος. Ἔχει δὲ οὕτως· ποίησον, φησίν, ἐκ χαλκοῦ ἐλατοῦ σωλῆνας τρεῖς — λεπτόν τὸ ἔλασμα, ἔχον ἠθμοῦ πάχος ἢ μικρὸν παχύτερον, ὡσεὶ χαλκοῦ τηγάνου πλακουντηρίου — μῆκος πήχεως ἑνὸς ἡμίσους. Ποίησον οὖν σωλῆνας τρεῖς τοιούτους. Καὶ ποίησον χαλκεῖον μακρὸν πήχεως ἔχον τὸ μῆκος παρὰ παλαιστὴν· ἄνοιγμα δὲ τοῦ χαλκείου σύμμετρον. Οἱ δὲ τρεῖς σωλῆνες ἐχέτωσαν τὸ ἄνοιγμα οἷον τραχήλου βίκου κοῦφου τηλάριν· τοῦ δὲ ἀντιχέρος δύο εἶναι λιχανοὺς αὐτοῦ ταῖς δυοὶ χερσὶ συναρρηγότας ἐκ πλευρῶν τοῦ χαλκείου περὶ τὸν πυθμένα· ἐν ᾧ πυθμένι τρεῖς τρώγλαι προσαρμόζουσαι τοῖς σωλῆσι καὶ ἁρμοσθέντες προσκολλᾶσθωσαν παραδόξως τοῦ ἄνωθεν πνεῦμα ἔχοντος. Καὶ ἐπιθεὶς τὸ χαλκεῖον ἐπάνω λοπάδος ὀστρακίνης ἐχούσης τὸ θεῖον, συμπεριπηλώσας τὰς συμβολὰς στέατι ἄρτου, ἔνθες ἐπὶ τὰ ἄκρα τῶν σωλήνων βίκους ὑαλίνους μεγάλους παχεῖς ἵνα μὴ ῥαγῶσιν ἀπὸ τῆς θέρμης τοῦ ὕδατος κομιζούσης τὸ ἀναβαῖνον· τὸ δὲ σχῆμα τοῦτο· [λιχανὸς σωλήν].
I shall describe to you the tribikos. For so is named the apparatus con- structed from copper and described by Maria, the transmitter of the Art. For she says as follows: „Make three tubes of ductile copper, a little thicker than that of a pastry cook’s copper frying pan. Their length should be about a cubit and a half Make three such tubes, and also make a wide tube of a handbreadth width and an opening proportioned to that of the still-head.
The three tubes should have their openings adapted like a nail to the neck of a light receiver so that they have the thumb tube and the two finger tubes joined laterally on either hand. Toward the bottom of the still-head are three holes adjusted to the tubes, and when these are fitted they are soldered in place, the one above receiving the vapor in a different fashion. Then, setting the still head upon an earthenware pan containing the sulphur, and luting the joints with flour paste, place at the ends of the tubes glass flasks, large and strong, so that they may not break with the heat coming from the water in the middle. Here is the figure.
(Zos. Pan. Mem. 3,1,1-20, übers. Patai)
Diese komplizierte, aber im Grunde funktionale Destillationsvorrichtung zeugt von großer praktischer Kenntnis. Insbesondere das Problem, hitzeresistentes Glas herzustellen, sollte die Destillation bis ins Hochmittelalter begleiten. Ob sich mit diesem Gerät aber bereits Trinkalkohol brennen ließ, soll an späterer Stelle diskutiert werden. Hier interessiert uns wieder einmal ein Überlieferungsproblem.
Zosimos erläutert mehrfach im Text die für die Destillation nötigen Instrumente, manche recht simpel, manche eben etwas komplexer. Unglücklicherweise kann die Wortwahl je nach Manuskript abweichen. Mitunter verändert das sogar den technischen Aufbau. In der Venetianer Handschrift Marc. Grec. 299 ist von einer Wasserkühlung die Rede: Ἔχειν δὲ δεῖ ἐπὶ ὅλων κρατηρίαν ὕδατος καὶ περιμάν σπόγγῳ. („Man muss über dem Gerät ein Gefäß mit Wasser haben und es ringsum mit einem Schwamm umgeben.“, übers. nach Mertens). In allen anderen Manuskripten steht ἐπὶλίθον, also dass das Wassergefäß ganz woanders platziert ist – und sein Zweck damit fraglich bleibt. Mehr noch, die Textstelle ist aufgrund von Abreibungen schwer lesbar.

Allerdings bereitet die Wasserkühlung an sich bereits einige Probleme. Was genau soll eigentlich gekühlt werden, der gesamte Apparat? Die nur diesem Manuskript in der Form beiliegende Zeichnung bezieht die Kühlung vermutlich auf den Destillierkopf. Eine systematische Kühlung wäre ein großer Schritt hin zur Destillation von Trinkalkohol. Sie käme aber auch sehr früh. Kühlsysteme werden zu Beginn des Hochmittelalters entwickelt, die praktische Umsetzung muss dann noch mal bis 1200 warten. Zwar lösen Zosimos bzw. Maria das Problem laut Marc. Grec. 299 ebenfalls mit Wasserkühlung, ihre Lösung ist indes extrem fortschrittlich und erinnert besonders in der Illustration an Systeme aus dem 15. Jahrhundert.
Überdies verwundert, dass die anderen, jüngeren Handschriften nicht nur keine solche Beschreibung liefern, sondern auch keine Zeichnungen dergestalt, sodass ihre Destillationsapparate defacto anders konstruiert sind. Da wenigstens zwei von ihnen direkt auf Marc. Grec. 299 zurückgehen, ist das umso rätselhafter. Die Kopisten im 15. Jahrhundert müssten also Fehler beim Abschreiben und Abzeichnen des älteren Textes gemacht und eine ihren Zeitgenossen einleuchtende technische Lösung komplett ignoriert haben. Möglich wäre das; Kopisten sind schon ganz Fehler unterlaufen und wer sagt, dass etwa Theodoros Pelecanus ein Experte in der aktuellen Brennereitechnik war?
Schwierigkeiten (II): die Bilder
Für nahezu sämtliche Manuskripte gilt es, niemals den Zeichnungen zu trauen. Mehrere Jahrhunderte nach den originalen Zeichnungen fertigte im Idealfall ein Künstler, oft der Kopist selbst, Reproduktionen derselben an. Das geschah manchmal, ohne dass er den Text überhaupt verstanden hatte. Daneben wirkten zeitgenössische Standards und Vorbilder auf den Zeichner ein. Gerade technische Zeichnungen sind daher notorisch unzuverlässig. Im oströmischen Reich, in dem alle uns verfügbaren Handschriften Zosimos‘ entstanden sind, war es lange übliche Praxis, Illustrationen um zeitgenössisches Wissen zu ergänzen. Sogar Addenda fügten Zeichner ein.
Und letztlich behielt stets der Text das Primat der Informationsübermittlung, Illustrationen galten als verzichtbares Beiwerk. Davon blieben auch die Werke nicht verschont, die direkt auf ihre Zeichnungen zur Erklärung verwiesen. Insofern liegt ein glücklicher Fall vor, dass Zosimos‘ Kopisten die Zeichnungen wichtig erachteten. Allerdings ist evident, dass manche Zeichnungen erst nach Abschluss des Manuskripts hinzukamen, da sie sichtlich an die Ränder gequetscht sind. Soweit, so erwartbar.
Überraschend ist dann aber doch, dass der Stil der Zeichnungen in der ältesten Handschrift Marc. Grec. 299 ganz massiv von dem der jüngeren Handschriften abweicht. Die Darstellungen in Par. Grec. 2325, 2327 und Laur. Grec. 86,16 weisen zwar auch ihre Unterschiede auf, ähneln einander dennoch deutlich mehr als ihrer Vorlage.
Die Linienführung in der Marc. Grec. 299 ist so gerade, dass sie nur mit dem Lineal erzielt werden kann. Rundungen zeugen eventuell von einem Zirkel. Lineal und Zirkel kommen sonst nur in der Par. Grec. 2325 zum Einsatz und auch dort eher selten. Während wir diese Instrumente mit technischen Zeichnungen assoziieren mögen und die perfekten Winkel bzw. Kreise professionell anmuten können, so sind sie aber nicht realitätsgetreu. Die Gefäße waren keine kreisrunden Kugeln und Röhren werden daran sicher nicht im 90 Grad-Winkel angeschlossen haben können.

Darüber hinaus irritiert, dass diese Handschrift für die jüngeren Handschriften in der Textübermittlung als Vorlage diente, in den Bildern dagegen augenscheinlich nicht. Dass ausgerechnet im frühesten Manuskript, und nur dort, eine Darstellung einer sogar für mittelalterliche Verhältnisse hochmodernen Wasserkühlung vorkommt, bedarf dann einer Erklärung. Textuell erklärt ist es bei beinahe trivial: die Beschreibung ist nur in diesem Manuskript, also kann die Zeichnung dazu nur in demselben vorkommen.
Diese Erklärung führt jedoch in einen Zirkelschluss, weil schon das Vorhandensein dieser Textstelle als solche erstaunt – jedenfalls, wenn die Lesung ἐπὶ ὅλων korrekt ist. Lehnen wir sie dagegen ab, was mit oben genannten Gründen legitim ist, ergibt sich eine Möglichkeit: Die Zeichnung ist eine spätere Beifügung eines Illustrators, der an einen zeitgenössischen Wasserkühler dachte, eventuell tatsächlich den Text so verstanden hat. Dafür spricht auch die recht ferne Platzierung der Bilder vom Text, denn sie liegen einen kompletten Folio auseinander. Dagegen spricht, dass die Zeichnung sich stilistisch vollkommen mit den anderen deckt. Überhaupt basiert diese Erklärung auf einem recht hypothetisch konstruierten Fall.
Das Problem ist nur, dass alles andere noch unwahrscheinlicher ist. Um die Zeichnung als original zu akzeptieren, müsste Zosimos Technologie beschrieben haben, die seiner Zeit nach unserem Wissensstand um mehr als ein Jahrtausend voraus war. …und die dann von späteren Manuskripten ausgelassen wurde. …und die bei umfangreichen mittelalterlichen Zosimos-Rezeption in Ostrom und in der islamischen Welt völlig unbeachtet blieb. Freilich könnten Zosimos bzw. Maria der Zeit so weit vorausgewesen sein, dass genau deswegen kaum ein Kopist oder Leser den Text verstehen konnte, er nicht korrekt übertragen wurde und das Konzept darum in Vergessenheit geriet. Aber das ist ebenfalls ein arg konstruierter Fall.
Sowohl in den Altertumswissenschaften als auch in der Chemiegeschichte geht die Lehrmeinung dahin, dass diese Zeichnung schlicht mit dem Wissen des Spätmittelalters entstanden ist. So oder so bleibt uns wenig anderes übrig, sie zum Kuriosum zu deklarieren, das selbst wenn es in der Spätantike zu verorten wäre, ein isoliertes Unikum ohne Nachwirkung bleibt. Angesichts der eifrigen Zosimos-Rezeption mahnt allein dieser Umstand dazu, die Zeichnung argumentativ nicht allzu sehr zu belasten.
Ziele und Kapazitäten des Zosimos nach Ausweis der Texte
Die Frage nach der ersten Destillation von Alkohol treibt Whiskyfans deswegen um, weil dies die technische Grundlage für Whisky ist. Mit Verfügbarkeit dieser Grundlage lässt sich das Vorhandensein eines Vorläufers in Form eines Getreidebrandes plausibilisieren. Daher rührt das Interesse an antiken Brennapparaten und ihren Möglichkeiten. Doch wir stehen vor zwei ganz grundsätzlichen Problemen. Erstens dürfen die Zeichnungen nicht losgelöst vom Text betrachtet werden. Zweitens und noch viel wichtiger: wofür nutzten Zosimos bzw. Maria diese Apparate überhaupt? Das Ziel bestimmt immerhin die Wahl der Mittel und zum Teil auch deren Möglichkeiten.
Nichts in den Texten des Zosimos deutet auch nur ansatzweise darauf hin, dass er Alkohol destillieren wollte. Sein Ziel war es, θεῖον ὕδωρ (theion hydor) zu destillieren. Wir wissen nicht so ganz genau, was das war, denn schon sprachlich ist der Begriff undeutlich. ὕδωρ heißt Wasser, θεῖον aber kann als Adjektiv göttlich meinen, als Nomen aber Schwefel. Das daraus resultierende Wortspiel hat Zosimos ganz sicher beabsichtigt. Er neigte zu einer sehr blumigen Ausdrucksweise und verband theologische Erkenntnis mit Naturwissenschaft. Und bei dem Prozess, den er beschreibt, könnte mit Schwefel versetztes Wasser durchaus das Ergebnis gewesen sein. Er destillierte Eier.
Zosimos‘ Anleitung ist etwas zu lang, als dass sie hier in Gänze wiedergegeben werden sollte. Hans-Werner Schütt fasst sie so zusammen:
„Destilliert man Eier, dann gehen sie in drei Fraktionen über: die erste, das Regenwasser, ist weiß bzw. klar, die nächste, das Rettich-Öl, das einen unangenehmen Geruch verbreitet, ist gelb-grünlich, und die dritte, die durch nochmalige Destillation des toten, aber – beim Stehenlassen an der Luft – wiedererstandenen Rückstandes gewonnen wird, besitzt eine schwarz-grünliche Färbung. Zosimos empfiehlt nun, die drei <männlichen> Fraktionen mit dem Rückstand im <weiblichen> Teil des Destillationsapparates zu vereinigen und vierzig Tage lang aufeinander einwirken zu lassen, um so die färbende Materie, sprich das Theion hydor, zu erhalten.“
(Stein der Weisen, 49f.)
Bei dem Prozess entsteht zwar kein elementarer Schwefel nach heutigem Verständnis, wohl aber flüchtige Schwefelverbindungen. θεῖον ὕδωρ hatte färbende Wirkung auf Metalle und genau das war Zosimos‘ Ziel. Wie so vielen Alchemisten ging es ihm um die Goldfärbung von Materialien.
Alkohol war für antike Gelehrte scheinbar nicht übermäßig interessant. Allein das Wort ist erst im mittelalterlichen Spanien nach der muslimischen Eroberung entstanden. Weder Wein noch Bier wurden näher untersucht. Desgleichen finden sich in der Antike auch keinerlei Hinweise auf Branntweine, von einer sehr umstrittenen Plinius-Stelle in Bezug auf Falerner abgesehen (solo vinorum flamma accenditur, Naturalis Historia 14,8; kein noch starker Wein wird brennen). Bei den hohen Verlusten an antiken Texten sind unsere Quellen nicht erschöpfend und vielleicht hat jemand Alkohol destilliert und der Text ging verloren. Möglich wäre das rein theoretisch auch bei Zosimos. Wahrscheinlich ist es wegen vorangestellter Überlegung zwar nicht, dennoch lohnt ein Gedankenexperiment. Eventuell taugten Zosimos‘ Anlagen zur Destillation von Alkohol.
Richten wir uns allein nach den Abbildungen, erübrigt sich die Diskussion fast, denn ein paar der Zeichnungen, besonders in Marc. Grec. 299, sehen voll und ganz brauchbar aus. Neben der schon thematisierten Kontroverse um nachträgliche Illustration steht aber vor allem der Text dieser Annahme im Weg. Selbst wenn die Kühlung gewährleistet sein sollte, muss die Dichtung ausreichen, um Alkohol zu destillieren. Zosimos schreibt:
Καὶ περιπηλώσας τὸν ἄμβικα καὶ τὸ μαστάριον σὺν τῷ ῥογίῳ ἀσφαλείᾳ πολλῇ οἰκονομήσας στέατι σὺν γύψῳ ἢ προπόλει ἢ ἐλαιοκονίᾳ ἢ ὡς βούλει, […]
Und nachdem du den Ambix und das Mastarion zusammen mit dem Röhrchen sorgfältig abgedichtet hast, indem du mit großer Sorgfalt Talg, Gips, Bienenwachs, mit Öl vermischter Asche oder einem anderen geeigneten Material verwendest […]
(Zos. Pan. Mem. 9,1,10-13, übers. nach Mertens)
Die Verarbeitungsqualität von Glas, Keramik und Kupfer reichte noch nicht weit genug, um Schliffverbindungen zwischen den Bestandteilen der Apparatur zu gewährleisten. Deswegen verwendete Zosimos organische Materialen zur Dichtung. Eine leichtsiedende Flüssigkeit wie Alkohol ließ sich damit kaum vernünftig destillieren. Da zudem zonenweise Erhitzung oder Kühlung schwer möglich war, konnten hochsiedende Substanzen nach Schütt leicht erstarren und so die Röhrchen verstopfen. Prinzipiell könnte selbst eine organische Dichtung, falls hinreichend fest und undurchlässig gemacht, funktionieren. Praktisch sieht das meist eben anders aus. Daher müssen wir wieder einmal bei einem „vielleicht“ als Fazit verbleiben. Am Ende überwiegen die Zweifel.
Ob Zosimos vermochte, Alkohol zu destillieren, bleibt fraglich; dass er es gar nicht wollte, geht aus seinen Texten klar hervor. Und doch: die Apparate in seinen Schriften stellen einen wichtigen Schritt hin zur Destillation von Alkohol dar. Allein im islamischen Raum wurden seine Werke aufmerksam gelesen, teilweise übersetzt und überarbeitet, sodass eine Reihe arabischer Bücher auf Zosimos zurückgeht. Hier könnten weitere wichtige Schritte auf dem Weg zur Destillation gemacht worden sein. Als es endlich um 1200 in Süditalien gelang, wahrscheinlich beim anonymen Magister Salernus, war dies nicht das Ergebnis einer einzigen Wissenschaftstradition. Dort wurden Schriften aus dem lateinischen, griechischen und arabischen Sprachraum (letzterer schließt explizit das iranische Hochplateau und angrenzende Territorien mit ein, Persien, Choresmien, Transoxanien etc., wo Arabisch Wissenschaftssprache war) vorurteilsfrei und ergebnisoffen rezipiert.
Exkurs: Zosimos und moderne Identitäten
Zosimos hätte sich mit dem Magister Salernus und der dortigen Schule blendend verstanden. Womöglich hätte er das Latein krude und das Griechisch für schwer verständlich gehalten, aber sonst… Zosimos war in erster Linie römischer Staatsbürger, Angehöriger der griechischen Oberschicht der römischen Provinz Ägypten und sich des altägyptischen Erbes bewusst. Wie weit letztere Wurzeln reichen, ist Gegenstand rezenter Forschungsdebatten, unstreitbar sind sie vorhanden.
War Zosimos nun Afrikaner oder Europäer? Er selbst hätte beides aus mehreren Gründen irritierend gefunden. Africa war ebenso wie Ägypten eine römische Provinz im Norden des Kontinentes, heute die Küstenstreifen Tunesiens, Algeriens und Libyens umfassend. Mit dem südlicheren Teil des Kontinents verband ihn nichts. Er gehörte dem griechisch-römischen Kulturraum an, der statt einem drei Kontinente umspannte und durch vier externe Klammern zusammengehalten wurde: das übergeordnete Militärwesen, das vereinheitlichte Steuerwesen, das universelle Rechtswesen und, ab dem 4. Jahrhundert, das reichsweite Christentum. Zosimos war somit z.B. Gallien oder Syrien wesentlich näher als Äthiopien.
Dies ist so wichtig zu betonen, weil die Geschichte der Destillation für wahr nicht eurozentristisch gesehen werden darf. Der Mittelmeerraum und damit verbundene Gebiete waren ein Schmelztiegel der Kulturen. Von Zosimos und Panopolis über das ibero-arabische Wort Alkohol zum anonymen Magister in Salerno, egal ob auf Griechisch, Latein oder Arabisch – die Destillation von Alkohol ist eine Erfindung vieler sich gegenseitig befruchtender Kulturen.
Fazit: Die Macht der Bilder
Augustus und die Macht der Bilder ist ein bahnbrechendes Buch des Archäologen Paul Zanker, auf den der Titel dieses Artikels mit einem gewissen Augenzwinkern anspielt. Zanker bewies eindrücklich, dass das Studium der Bildquellen auch für die sonst auf Schriftquellen fixierten Historiker lohnend, ja zwingend ist. Visuelle Kommunikation wirkt mindestens ebenso stark auf uns wie Worte. Und genau darin liegt Gefahrenpotential. Ohne Kontextualisierung liefert das augusteische Bildprogramm, modern terminiert, Propaganda.
Zwar ohne die politische Dimension, doch mit einem ähnlichen Problem warten die Illustrationen der Zosimos-Schriften auf. Aus ihrem Kontext herausgelöst können sie weitreichenden Schlüssen verleiten, die der eigentliche Quellenbefund nicht zuverlässig stützt. Und der Kontext ist vielschichtig:
- Die Überlieferung: Es gibt zu viele Unklarheiten bezüglich der Provenienz der Zeichnungen; außerdem einen Text, der in einem Manuskript an der entscheidenden Stelle schwer lesbar ist und in den übrigen Manuskripten eine andere Lesung aufweist. Dies wirft erhebliche Zweifel auf, ob – erstens – tatsächlich antike Brennanlagen dargestellt sind, die – zweitens – zur Destillation von Alkohol taugen.
- Das Werk und der Autor: Zosimos verfolgt mit der Destillation ein Ziel und dieses ist nicht die Produktion trinkbarer Alkoholika, sondern von θεῖον ὕδωρ.
- Die technische Ebene: Die Zeichnungen elaborieren nicht das Detail der Dichtung, selbst wenn wir die Kühlung als gegeben akzeptieren, woran ebenfalls Zweifel bestehen.
- Hier nur am Rande betrachtet wurde die Geschichte der Destillation als Teil gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Das Interesse an der Destillation von Alkohol und die Fähigkeit dazu entsprang einer Gemengelage, die sich erst im Laufe des Mittelalters im Mittelmeerraum herausbildete. Ganz besonders augenfällig ist, dass in der Antike mit all den Schriften zu Wein und Bier niemand Branntweine beschrieb. Die Zeit um 1200 wird auch deswegen als Geburtsstunde des Branntweins gesehen, weil im 13. Jahrhundert die Zahl der eindeutigen schriftlichen Nachweise dafür geradezu explodiert. Dies ist sicher kein Überlieferungszufall.
Damit soll und kann nicht ausgeschlossen werden, dass schon früher Alkohol zum Trinken gebrannt wurde. Bei Ermangelung einer schriftlichen Überlieferung wird sich dies jedoch schwer verifizieren lassen. Schon dort, wo sowohl Schrift- als auch Bildquellen vorliegen, wie bei Zosimos, ist Vorsicht geboten. Experimentelle Archäologie, wie sie u.a. von Maria Belgiorno angewandt wird, hat ebenso ihre Tücken. Bei einem technisch so anspruchsvollen Prozess wie der Destillation kommt es auf jedes Detail an und viele Aspekte einer archäologischen Rekonstruktion sind spekulativ. Dies wäre jedoch einen eigenen Artikel wert. Jedenfalls gilt auch hier, dass das grundsätzlich Mögliche nicht das zwingend Geschehe ist.
Tatsächlich verfolgt dieser Artikel hauptsächlich das Ziel, für die Schwierigkeiten zu sensibilisieren, die beim Studium antiker Quellen auftreten können. Und wenngleich Zosimos etwas anderes beabsichtigte, so waren auch seine Werke Teil einer Wissenschaftskultur, die eines Tages Whisky möglich machte. Allermindestens bleibt daher die Erkenntnis, wie tief eigentlich die Wurzeln der Geschichte des Whiskys reichen.
Ausgewählte Literatur
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Lazaris, Stavros: Scientific, Medical and Technical Manuscripts, in: Tsamakda, Vasiliki (Hg.): A Companion to Byzantine Illustrated Manuscripts, Leiden 2017, 55-113.
Lopes da Silveira, Fabiana: The Searched-for Thing. A Literary Approach to Four Early Alchemical Texts, Diss. Oxford 2020.
Martelli, Matteo: Greco-Egyptian and Byzantine Alchemy, in: Irby, Georgia (Hg.): A Companion to Science, Technology, and Medicine in Ancient Greece and Rome, Bd.1, New York 2016, 217-231.
Moureau, Sébastien/ Thomas, Nicholas: Laboratories and Technology. Alchemical Equipment in the Middle Ages, in: Burnett, Charles/ Moureau, Sébastien (Hgg.): A Cultural History of Chemistry 2. A Cultural History of Chemistry in the Middle Ages, Leiden 2022, 49-70.
Patai, Raphael: The Jewish Alchemists. A History and Sourcebook, Princeton 1994.
Papathanassiou, Maria K: The Occult Sciences in Byzantium, in: Lazaris, Stavros (Hg.): A Companion to Byzantine Science, Leiden 2020, 464-495.
Schütt, Hans-Werner: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Die Geschichte der Alchemie, München 2000.
Touwaide, Alain: The Alchemical Manuscript Tradition, in: Nikolaides, Euthymios (Hg.): Greek Alchemy from Late Antiquity to Early Modernity, Turnhout 2018, 45-58.
Werret, Joshua: The Visions of Zosimos of Panopolis. Text, Translation, and Commentary, Diss. Oxford 2024.
Weyer, Jost: Geschichte der Chemie. Bd.1, Altertum, Mittelalter, 16. bis 18. Jahrhundert, Berlin 2018.
Zosime de Panopoli. Mémoires Authentiques, griech.-franz., ed., hg. und übers. v. Mertens, Michèle, Paris 1995.
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